Steve Gunn live in Berlin: Nikotinpflaster und Sprudelwasser

„Ey der Typ schaut fertig aus – aber geil fertig!“ – der Vordermann teilt seinem Nachbar mit, wie augenscheinlich verbraucht der Musiker in der Bühnenmitte aussieht. Ein anderer wiederum muss bei seinem Kumpel nachfragen, wie der Sänger nochmal heißt. Steve Gunn ist hierzulande immer noch nicht angekommen, niemand weiß mit dem wundersamen Künstler aus Brooklyn so richtig etwas anzufangen. Klar, die Zuschauer hatten Karten für Steve Gunn gekauft, kennen seine Songs – aber wissen anscheinend nicht, wie er aussieht.

Wenn bei „New Familiar“ Gunns spindeldürre, knochige Finger wie eine harmlose, aber suspekt anmutende Spinnenart das Griffbrett seiner Gitarre erkunden, wenn er bei „Morning Is Mended“ stoisch, fast schon regungslos am Mikro allein im Lichtkegel steht, mit schwarzen Kratern unter den Augen und pomadig begossenen Haaren, dann könnte man meinen, dass der Musiker gerade eine sehr schwere Zeit durchmachen muss.

Im Americana gibt es den etwas klischeetriefenden Begriff „unprätentiös“. Doch genau das ist es, was der New Yorker verkörpert: Es ist das Unprätentiöse, das Unaufgeregte, das Unscheinbare, was Steve Gunn in seiner DNA zirkulieren lässt. Der asketische Auftritt von Gunn und seiner Band wirkt wie ein Entzug von den affektierten und belanglosen Sounds aktueller Musik. Die Band hat keine Roadies, die vier Männer bauen ihr Set selbst auf. Es gibt keinen Techniker zum Stimmen der Gitarren zwischen den Songs, Steve Gunn nimmt sich die nötige Zeit und macht es selbst. Keine Rockstar-Flausen. Auf der Bühne gibt es nur Sprudelwasser, keinen Alkohol.

Kooperation

Und doch muss Steve Gunn an diesem Abend (23. März 2019) im Berliner Frannz Club eine bittere Pille schlucken: Viele Leute sind unaufmerksam, unterhalten sich oder gehen während der Songs zur Bar. Die Ignoranz des Publikums ist peinlich, es scheint sich nicht so richtig für diesen Bilwiss zu interessieren. Der Gitarrist dürfte es momentan schwer haben, sich mit diesem Anti-Image im Klampfen-Kampf gegen andere durchzusetzen.

Steve Gunn live

Als untypisch geschulter Saitenpicker, der als Einflüsse Michael Chapman, John Coltrane und indische Musik nennt, hat Gunn ein überwältigendes Gespür für Songwriting und Sounds. Das wird vor allem deutlich in „Vagabond“, dem Signature-Track auf „The Unseen In Between“. „Vacancy in a burned out frat / You’re an empty stare from a vagrant cat / You’re a vagabond / Suitcase packed and you move along“, sinniert Gunn stets mit viel analogem Hall – und kann damit nur sich selbst meinen. Als Begleitgitarrist aus Kurt Viles Slackergang The Violators entschlüpft, lässt sich der Musiker auch nach über 15 Jahren keinem Genre zuweisen.

Im dylanesken „New Moon“ ist es Country mit psychedelischem Twang und einer Stimme, die eher schimmert als glänzt. Mit seinem besten Song, dem Folk-Akustikjuwel „Stonehurst Cowboy“, schafft es Gunn sogar, dass für knapp vier Minuten einmal alle zuhören. Und wenn er beim Feedback-Inferno in „Paranoid“ die übliche Effekt-Hascherei anderer Gitarrenmeister zu einer eigenen Kunstform erhebt, weiß er genau, was er da macht. Das Konzert dauert zwar lediglich eine Stunde und trotzdem ist alles gesagt.

Steve Gunn bildet mit seiner Musik das Unprätentiöse, das Unaufgeregte, das Unscheinbare ab – the Unseen in between.

Setlist:

  1. Wildwood
  2. Vagabond
  3. Chance
  4. Lightning Field
  5. New Moon
  6. Luciano
  7. Stonehurst Cowboy
  8. New Familiar
  9. Paranoid
  10. Morning Is Mended
  11. Way Out Weather

Martin von den Driesch

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