RS-Interview

Sven Regener: „So eine Schaffenswut finde ich toll“


Erkennst du die Wiener Straße aus dem Buch heute noch wieder?
Ja klar, aber natürlich hat sie sich verändert. Das ist wie bei mir: Ich kann in den Spiegel gucken und bin natürlich nicht mehr der, der ich mit 15 war, aber doch immer noch der gleiche Dödel. Das Spannungsfeld zwischen „derselbe“ und „der gleiche“ findet auch in der Stadt statt. Berlin war immer schnelllebig und eine Art Trash-Stadt, das macht sie so angenehm. Da werden Sachen runtergekloppt und neu hochgezogen, einer zieht ein, einer aus, das war nie anders. Damals gab es ja auch schon den Kampf der Hausbesetzer gegen die Spekulanten. Berlin ist kein guter Ort für Denkmalpflege.

Du gehörst also nicht zu denen, die über die Gentrifizierung jammern?
Diese Gentrifizierung ist ein interessantes Phänomen. Verdrängung ist ja irgendwie immer, gerade in Vierteln wie Kreuzberg. Auch die Freaks, die zugezogen sind, haben damals Leute verdrängt – vielleicht waren sie sogar die Vorreiter dieser Entwicklung. Erst kommen die Künstler, dann die Hipster und dann die Immobilienhändler. Das kann man bedauern, aber das muss auf politischer, nicht auf kultureller Ebene diskutiert werden. Man könnte zum Beispiel die elf Prozent Modernisierungsumlage beleuchten, durch die Leute vertrieben werden, weil sie plötzlich viel mehr Miete zahlen müssen. Ist natürlich ein unattraktives Statement, weil zu kleinteilig, aber da müsste man anfangen – das wäre Politik. Auf Schwaben schimpfen, das ist dagegen auch einfach nur Rassismus.

„Kunst kann alles sein“, sagen die Leute im Buch – und nennen sich H.R. Ledigt oder P. Immel. Wie ernst hast du damals solche Künstler genommen?
Die Realität war ja oft noch viel extremer! Durch diese Frechheit, die Unbekümmertheit hat die bildende Kunst damals noch mal einen Sprung nach vorne gemacht. Völliger Verzicht auf Erklärungen und Rechtfertigungen. Jeder durfte alles machen, die Kunst wurde entakademisiert. Diese Chuzpe kannte man vorher nicht, die wollte ich einfangen. Dafür sind mir die Figuren zugelaufen.



Musikempfehlungen von Hunter S. Thompson: Die wichtigsten Alben der Sechziger

„Ich nehme dir die Annahme übel, dass Musik nicht mein Ding ist – seit mehreren Jahren argumentiere ich, dass Musik die neue Literatur ist, dass Dylan die Sechzigerjahre-Antwort auf Hemingway ist und dass die primäre Stimme der Siebziger statt in Büchern auf Platten und Videokassetten festgehalten wird.“ Diese Zeilen schrieb Hunter S. Thompson Ende der Siebziger an den ROLLING STONE-Journalisten John Lombardi – sein Brief war Bestandteil des Buchs „Fear and Loathing in America: The Brutal Odyssey of an Outlaw Journalist 1968–1976“. Um seine Musikkenntnisse zu untermauern, legte der Gonzo-Journalist, der neben dem Schreiben literarischer Meilensteine auch mit subjektiven Politik-…
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