RS-Interview

Sven Regener: “So eine Schaffenswut finde ich toll”

E-Mail
RS-Interview

Sven Regener: “So eine Schaffenswut finde ich toll”

Facebook Twitter Google+ Whatsapp Email Kommentare
von

Erkennst du die Wiener Straße aus dem Buch heute noch wieder?
Ja klar, aber natürlich hat sie sich verändert. Das ist wie bei mir: Ich kann in den Spiegel gucken und bin natürlich nicht mehr der, der ich mit 15 war, aber doch immer noch der gleiche Dödel. Das Spannungsfeld zwischen „derselbe“ und „der gleiche“ findet auch in der Stadt statt. Berlin war immer schnelllebig und eine Art Trash-Stadt, das macht sie so angenehm. Da werden Sachen runtergekloppt und neu hochgezogen, einer zieht ein, einer aus, das war nie anders. Damals gab es ja auch schon den Kampf der Hausbesetzer gegen die Spekulanten. Berlin ist kein guter Ort für Denkmalpflege.

Du gehörst also nicht zu denen, die über die Gentrifizierung jammern?
Diese Gentrifizierung ist ein interessantes Phänomen. Verdrängung ist ja irgendwie immer, gerade in Vierteln wie Kreuzberg. Auch die Freaks, die zugezogen sind, haben damals Leute verdrängt – vielleicht waren sie sogar die Vorreiter dieser Entwicklung. Erst kommen die Künstler, dann die Hipster und dann die Immobilienhändler. Das kann man bedauern, aber das muss auf politischer, nicht auf kultureller Ebene diskutiert werden. Man könnte zum Beispiel die elf Prozent Modernisierungsumlage beleuchten, durch die Leute vertrieben werden, weil sie plötzlich viel mehr Miete zahlen müssen. Ist natürlich ein unattraktives Statement, weil zu kleinteilig, aber da müsste man anfangen – das wäre Politik. Auf Schwaben schimpfen, das ist dagegen auch einfach nur Rassismus.

„Kunst kann alles sein“, sagen die Leute im Buch – und nennen sich H.R. Ledigt oder P. Immel. Wie ernst hast du damals solche Künstler genommen?
Die Realität war ja oft noch viel extremer! Durch diese Frechheit, die Unbekümmertheit hat die bildende Kunst damals noch mal einen Sprung nach vorne gemacht. Völliger Verzicht auf Erklärungen und Rechtfertigungen. Jeder durfte alles machen, die Kunst wurde entakademisiert. Diese Chuzpe kannte man vorher nicht, die wollte ich einfangen. Dafür sind mir die Figuren zugelaufen.

Parallel kommt jetzt Arne Feldhusens Verfilmung deines Romans „Magical Mystery“ in die Kinos, für die du das Drehbuch geschrieben hast. Bist du zufrieden damit?
Der Film ist gut, aber natürlich ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte – das war auch bei „Herr Lehmann“ so. Jeder Drehbuchautor leidet wie ein Hund, das weiß man vorher. Wodurch einem diese Situation versüßt wird: wenn man die Schauspieler beobachtet und merkt, wie sie sich die Figuren aneignen – das entschädigt für alles.

Ist es leicht, zwischen Drehbuch, Roman und Songwriting umzuschalten?
Die Unterschiedlichkeit der Tätigkeiten hat auch etwas Erholsames. Bei einem Film sind ja so viele Leute beteiligt, da wird viel verhandelt und gestritten. Wenn ich mich danach an den Roman setzen kann, habe ich meine Ruhe – das empfinde ich dann als Befreiung und freue mich darauf, das ist schon die halbe Miete.

Du hast ja wohl ausgesorgt. Fühlst du dich kreativ freier, weil du jetzt eigentlich gar nichts mehr machen musst?
Musste ich vorher aber auch nicht. Man darf nichts tun, weil man glaubt, dass man es müsste. Ich verstehe, wenn Leute sagen: Ich will das einfach machen, ich will, ich will! So eine Schaffenswut finde ich toll, aber die sollen mir damit wegbleiben, dass sie das machen müssen. Das läuft immer auf einen „göttlichen Zwang“ hinaus, den ich für abgeschmackt halte – oder so ein Leidensding: „Ich habe ja ­leider keine Wahl.“ Als würden sie sonst lieber ins Büro gehen! Außerdem geht es ja nicht nur um den finanziellen Aspekt, sondern es geht immer auch um Ruhm und Ehre und Reputation und Bauchpinselei und so weiter. Da kann man auch einen Zwang empfinden – bei Erfolg: Wiederholungszwang. Richtig frei ist man nie, aber man sollte versuchen, so frei wie möglich zu sein.

Für den Erfolg braucht man dann aber auch Glück, oder?
Auf jeden Fall, das haben wir auch mit den Elements immer gesagt. Natürlich finden wir die Band gut und sind der
Meinung, unsere Musik gehört in jeden deutschen Plattenschrank – wenn es so was überhaupt noch gibt. Auf jede deutsche Festplatte! Aber natürlich gehört auch Glück dazu, und davon hatte ich sehr viel im Leben. Es ist wichtig, dass man sich das immer wieder klarmacht. Das schützt auch vor Hochmut. Man sollte nie glauben, es wäre alles so toll gelaufen, weil man so ein geiler und schlauer Typ ist.

Apropos Element Of Crime: Wie geht es da weiter?
Wir arbeiten schon an neuer Musik. Es wäre gut, wenn wir nächstes Jahr mit einer neuen Platte kommen – dann wären es nur vier Jahre seit der letzten, nicht wieder fünf. Man muss aufpassen, nicht zu träge zu werden. Eine Band ist immer nur so gut wie ihre neuesten Songs.

Unsterbliche Lieder: fünf bewegende Alben über den Tod

E-Mail

Nächster Artikel

Vorheriger Artikel