Tame Impala im Interview: Ein notorischer Einzelgänger reift zum Popstar

Er steht als Headliner zwischen Konfettikanonen, sitzt im Studio mit Lady Gaga und wird geliebt von Stars wie Rihanna und Kanye West. Es ist ein seltsamer Weg, den Kevin Parker mit seiner Musik von Tame Impala gegangen ist – und noch immer fragt man sich, wie der notorische Einzelgänger aus der kleinen Stadt Perth in die A-Liga der Popwelt kam. Sein mit Psychedelic-Elementen durchtränkter Sound läuft auf studentischen WG-Partys, in den Redaktionen der Musikmagazine und gleichzeitig in der Umkleidekabine bei H&M.

Während die Jugend in seinen staubigen Drums und Synthie-Arrangements Hip-Hop und House hört, springt eine ältere Generation auf Parkers Liebe zum 70er-Jahre Disco-Rock an. „Man hört darin, was man hören möchte, und das finde ich unglaublich interessant“, versucht Parker dieses Phänomen im ROLLING-STONE-Interview zu erklären. Eine wirkliche Antwort hat nämlich auch er nicht darauf. Dabei ist sein Erfolg keineswegs abwegig, denn Tame Impalas Musik erzählt eine ganze Menge über den popkulturellen Zeitgeist. Eine Popkultur, in denen Genres und ihre Grenzen mehr und mehr verschwimmen, und die sich nach Belieben Dinge aus verschiedensten Jahrzehnten und Stilen nimmt und sie vermischt. Metal-Heads finden sich plötzlich im Hip-Hop wieder, der Indie-Rocker geht zur Techno-Party ins Berliner Berghain und Rapper gelangten über den Trap zum Psychedelic-Rock. Kevin Parker scheint dies alles in seiner Musik zu vereinen – und auf Tame Impalas neuem Album „The Slow Rush“ wird diese Praxis noch deutlicher als auf seinen Vorgängern.

„Das ist Kunst, und in der Kunst muss man nicht immer alles erklären. Früher hatte ich das Gefühl, dass ich meine Musik erklären müsste. Aber bei dieser Platte dachte ich mir: Scheiß drauf“. Es ist ein deutlich gesteigertes Selbstvertrauen, mit dem sich Parker im Umgang mit seinem neuen Album und seiner Musik präsentiert. Der zuvor schüchterne und zurückgezogene Australier scheint in seiner neuen Rolle als Popstar aufzugehen – oder vielmehr adaptiert er diese auf seine Weise. „Ich glaube, dass das die Platte ist, die ich am häufigsten hören kann. Wenn du sie jetzt anmachen willst, hätte ich nichts dagegen. Früher hätte ich total Angst davor gehabt, aber jetzt genieße ich diese Unbehaglichkeit. Es ist so unangenehm, dass es schon wieder Spaß macht. Das hat was Therapeutisches“.

In seiner Jugend deutete nicht viel darauf hin, dass Parker als Bandmitglied, wenn auch Sänger von Tame Impala irgendwann einmal der Mittelpunkt auf den Bühnen der Festivals oder gar die Cover der Zeitschriften zieren wird. Eher schüchtern, fast schreckhaft gründete er Tame Impala, um sich auch hinter einer Gruppe zu verstecken. Doch im Hintergrund war die Musik stets der Antrieb, der ihm einen Weg aus der Zurückhaltung aufwies. „Mit 15 war für mich der einzige Weg um Respekt zu kriegen, Erfolg zu haben, ein Rockstar zu werden. Ich hatte nicht gerade die größte Ausstrahlung und sah auch nicht wirklich gut aus. Jetzt sehe ich, dass diese Haltung natürlich falsch war. Musik und Erfolg sind nicht der einzige Weg um respektiert zu werden. Es hat viel mehr damit zu tun, Vertrauen in sich selbst zu bekommen. Aber das ist, denke ich, einfach auch ein Teil des Älterwerdens“.

Diese neu erlernte Haltung, das Selbstbewusstsein wird auf „The Slow Rush“ vor allem dadurch hörbar, weil Parker darauf scheinbar das Zitat zur obersten Maxime erklärt hat. Supertramp-Anleihen stehen hier neben G-Funk Synthies, werden unterbrochen von Acid-Parts aus der Roland-303 und gipfeln in zuckrigen Pop-Balladen wie „On Track“, ein Song, bei dem er laut eigener Aussage an Meat Loaf gedacht hat.

Es gibt kleine Gitarren-Skizzen die wie „aus einem alten Ennio-Morricone-Stück oder Wu-Tang Sample klingen“ und kurze Deep-House Cuts. Auf der anderen Seite ging Parker nie radikaler mit der Struktur seiner Songs um. Immer wieder kommt es zu Brüchen innerhalb einzelner Stücke, und er wechselt, wie auf „Posthumous Forgivness“ und „Glimmer“, ansatzlos von einem Part zum nächsten. „Ich weiß nicht, warum ich das so gemacht habe. Ich glaube, die Leute gehen immer davon aus, dass ich wüsste, was ich das tue und mehr Ahnung hätte, als ich tatsächlich habe. Ich könnte mir jetzt natürlich zu allem immer eine tolle Geschichte ausdenken. Aber am Ende ist es einfach ein Impuls und man sollte dem Impuls vertrauen“.

Zusammengehalten wird dieses Mosaik aus Einflüssen und Zitaten wie schon das Vorgänger-Album „Currents“ von den einnehmenden Melodien und seinem Gespür für Ohrwürmer, welches er in seinen psychedelischen Kontext einbettet. „Ich würde schon sagen, dass ich Pop mache. Zumindest wenn man so etwas wie Nirvana auch als solchen bezeichnet. Wenn ich eine Melodie oder Akkorde nicht wochenlang im Ohr habe, dann nehme ich sie nicht auf. Dadurch werden meine Songs auf natürliche Art und Weise schon catchy. Auf der anderen Seite sind meine Strukturen häufig auch der totale Anti-Pop“.

Mit seiner vierten Platte treibt Parker alias Tame Impala all diese Elemente, die er in seinem bisherigen Werk etabliert hat, auf die Spitze. Durch den verspielten Charakter und das Bruchstückartige fällt „The Slow Rush“ gegenüber dem opulenten „Currents“ ein wenig ab, weil es weniger auf Stringenz aus ist. Doch Parker führt mit dem neuen Album fort, was er mit dem Vorgänger begonnen hat. Mehr noch als zuvor, etabliert sich der Australier als Pop-Star unserer Zeit, der sich nach Belieben auf dem Zeitstrahl der Musik bewegt, Stücke entnimmt und zu einem neuen verbindet. Es zeugt vor allem auch von seinem neuen Selbstbewusstsein, sich wie selbstverständlich an all diesen Dingen zu bedienen und sie zu seinen Eigenen zu machen.



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