ROLLING-STONE-Porträt

Boss Hog: Oldschool für das Jetzt

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Boss Hog: Oldschool für das Jetzt

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Wenn Pin-up-Bilder Männerfantasien bedienen, dann gab es im Jahr 2000 viel Kopfkino: Das letzte Boss-Hog-­Album für die kommenden 17 Jahre erschien, und Sängerin Cristina Martinez posierte auf dem bei­liegenden Poster im Leoparden­bikini. Sie sah aus wie die New-York-City-Version von Betty Page. Das „White­out“-Poster hing dann vor allem in den WGs antisexistischer „Indie“-Freunde …

Es gehört zur Kunst von Boss Hog, dem Quintett um Martinez und ihren Ehemann, Jon Spencer, mit Garagen­rock billige, plakative Suggestion anzubieten – und dann doch eine Band zu sein, in der es immer um Geschlechterkämpfe geht. Martinez singt über deren Gewinner und Verlierer, ist selbst die Triumphatorin, die Köder auswirft. Und auch die neuen Boss-Hog-Songs tragen ­Titel  wie „Disgrace“ und „De­vious Mother­fucker“.

Job und Kinder unter einen Hut? Das geht, aber …

Natürlich ist die 44-jährige Sängerin keine feministische Theoretikerin, aber sie fühlt sich Künstlerinnen wie Kim Gordon und Carrie Brownstein, verbunden – von denen sie sich in Gestus und Sprache jedoch klar unterscheidet. Im neuen Jahrtausend war es still um Martinez geworden, denn sie zog ihren Sohn groß. „Für mich war die Auszeit als Mutter eine Selbstverständlichkeit. Mir fehlt das jetzt schon“, erzählt sie, und dass sie keinen Grund dafür sehe, sich dafür rechtfertigen zu müssen. Bei Männern stelle man die eher schwierige Vereinbarkeit von Job und Kindern selten in ein negatives Licht: „Und liegt dieser Diskussion nicht eine sexistische Fragestellung zugrunde?“

„Brood X“ heißt das erst vierte Album der seit 1989 aktiven Boss Hog. Der Name verweist auf die Plattenpause und die 17 Jahre währende Brüterei seit „White­out“: Sie entspricht der Entwicklungsdauer von Zikaden, bevor sie aus dem Boden schlüpfen. „Die Insekten brechen hervor, machen kurz ihre heftigen, lauten, aber schönen Geräusche, dann sind sie auch schon wieder weg“, erklärt Martinez. Auf die Musik übertragen: Die Platte klingt wie ein Noise-Überfall, weniger nach dem New Yorker Indie-Dancefloor wie der Vorgänger. Was soll’s – der kommerzielle Durchbruch gelang ­ihnen sowieso nicht.


Die neue Platte schließt eher an ihre ersten beiden Alben aus den frühen 90ern an: Fuzz-Gitarre, Verzerrer auf 11 gedreht, in „Nymph Beat“ ertönt das Stromwimmern der „Star Wars“-Laserschwerter über synthetisch erzeugten Trompetenfanfaren. Das Instrumental ist vielleicht ihr überraschendstes neues Stück. „Jon und ich lieben Science-Fiction. Auf dem Album sind viele Samples versteckt, das ist wie Ostereiersuchen.“ Und natürlich sind es die Kinder, die Kreativität freisetzen. „Als Erzählerin habe ich mich weiterentwickelt“, behauptet Martinez. „All die Jahre ,Harry Potter‘ vorzulesen, das muss sich ja einfach bezahlt machen!“

Außerdem hören wir inszenierten Zoff zwischen ihr und Spencer, zwei Großkünstlern des Call-and-Response. Es gibt „Ouch!“- und „Shoot!“-Einwürfe, und in „Rodeo Chica“ bringen sie das Geschlechtermissverhältnis auf den Punkt. Beide reimen gleichzeitig, er ruft „Quick!“, sie „Bitch!“. Die ewigen Elizabeth Taylor und Richard Burton des Underground. Denn die Welt hat sich für Boss Hog in den vergangenen bald 30 Jahren nicht gedreht, und das ist gut so. Denn noch immer dreht sich alles nur um Sex, und das geht herrlich mit primitivem Beat. „Attraktion, Erotik, Elend“, fasst Martinez zusammen. „Davon handelt Rock’n’Roll.“

Bride Of Frankenstein

Als sich die Band 1989 in New York gründete, hatte Jon Spencer bereits einen Namen als Gründer der heute legendären Krachkünstler Pussy Ga­lore. Er formte seine damals neue Band, Blues Explosion – und kam mit Martinez schnell überein, dass man mit dem dritten Projekt, Boss Hog, doch möglichst viele Gigs nackt über die Bühne bringen sollte. Bis heute betonen ­alle Fans, die das Glück hatten, einem solchen Auftritt beizuwohnen, dass sie nur Aufmerksamkeit für die Inhalte der Songs, nicht die Art der Darbietung, im Sinn gehabt hätten. Schon klar! Wer sich heute das Marketing der Band ansieht, etwa auf Face­book, entdeckt anachronistisches Guerilla­zeugs: liebevoll montierte Fan­zines, zerrupfte Aushänge, „Bride Of Frankenstein“-Flyer – als hätten diese Plakate einst im Punkclub CBGB gehangen. Dabei sind sie hundert Prozent digital, also fürs Netz gemacht. Oldschool für das Jetzt.

„Ich war immer extrovertiert“, sagt Martinez. „Aber mit Social Media, der Selbstdarstellung auf Instagram konnte ich nie etwas anfangen. Leuten dabei zusehen, wie sie Waffeln essen? Come on! Was ich zu sagen ­habe, passiert auf der Bühne.“

Oder davor: Während des Auftritts von Boss Hog beim jüngsten ROLLING-STONE-Weekender ließ Martinez sich durchs Publikum tragen. Natürlich auf Händen – aber sie lag dabei auf einer Matratze: Anfassen ist nicht.

https://www.youtube.com/watch?v=l-6KX02vy0c
Angel Zayas © Angel Zayas
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