Highlight: Die 50 besten Songs von Bruce Springsteen

Bruce Springsteen: Die besten Veröffentlichungen aus der „Archive Series“ (12): Nassau Veterans Memorial Coliseum Uniondale, NY, 31/12/1980

Aktuell 43 Live-Mitschnitte, aufgenommen zwischen 1975 und 2013, bietet Bruce Springsteen auf seiner Website in der „Archive Series“ in verschiedenen Formaten zum Download an. In der Regel erscheint am ersten Freitag jedes Monats eine neu abgemischte Archiv-Show.

Welches Konzert hatte die schönste Setlist? Wo war der Sound am besten? Ein Springsteen-Guide als Serie, zum 70. Geburtstag des Musikers: Aufnahmen, die man kennen muss.

Die Autoren:

Lutz Göllner ist Redakteur im Medienressort der Berliner Stadtmagazine „zitty“ und „tip“. Bei einem USA-Aufenthalt hat er 1974 erstmals Springsteen gehört, fühlte sich als Kind und Jugendlicher immer wie ein Loser, bis er merkte: Er selber ist die Hauptfigur in Springsteens epischen Songtexten – über Loser. Er hält „Darkness On The Edge Of Town“ für die beste LP aller Zeiten.

Erik Heier ist stellvertretender Chefredakteur von „tip“ und „zitty“, erlebte 1988 in Weißensee sein erstes Springsteen-Konzert, musste aber 28 Jahre ausharren, bis er endlich seinen Lieblingssong „Backstreets“ bei seiner elften Show live zu hören bekam. Jetzt wartet er noch auf „Lost in the Flood“.

Bruce Springsteen: Die besten Veröffentlichungen aus der „Archive Series“ (12): Nassau Veterans Memorial Coliseum Uniondale, NY, 31/12/1980

von Erik Heier

Bruce Springsteen und Clarence Clemmons 1980

Und so geht also diese kleine, lustige Serie jetzt also zu Ende: mit dem aller-, aller, fucking-aller-besten Gig aus dieser immer weitergehenden Karriere-Rückschau von Bruce Springsteen.

Bitte was?

Sind wir jetzt vollständig verrückt geworden?

Dieses Silvesterkonzert von 1980 im Nassau Coliseum in Uniondale auf Long Island ist eine wilde, wahnwitzige, wahrhaftige, wundersame Fast-Vier-Stunden-Reizüberflutung. Zeigt mir ein noch besseres Konzert als dieses. Wird schwer bis unmöglich. Finde ich jedenfalls. Findet Lutz Göllner wiederum nicht. Aber ich habe hier das letzte Wort.

Seit Anfang April haben Lutz und ich unsere Lieblingsshows rekapituliert, diskutiert, in Beziehung zueinander gesetzt, ihren Sinn in der Zeit ergründet. Wir haben uns dabei manchmal weit aus dem Fenster gelehnt, steile Thesen aufgestellt, heitere Spleens gepflegt, Bezüge zum großen und kleinen Rundherum gezogen. Die Träume, die Liebe, der Zorn, die Politik, das Leben, die Welt.

Sind durch die Zeiten gereist wie dereinst Marty McFly und Doc Brown, in einem Delorean des Rock’n’Roll, vor und zurück und wieder vor, von frühen Meilensteinen (Roxy 1975) über karrieredefinierende Shows (Passaic 1978) und Mainstream-Triumphe (East Rutherford 1984) bis hin zu Konstellationen jenseits der E Street Band, mit der anderen Band (East Rutherford 1993), auf Solopfaden (Freehold 1995) und mit der manigfaltigen Sessions-Band (New Orleans 2005) bis hin zur späten, vom Verlust wichtiger Mitstreiter gezeichneten und doch sich immer wieder über den Tod erhebenden, legendären E Street Band (New York, 2012). Einige wichtige Touren haben wir dabei aus Platzgründen ganz aussparen müssen, vor allem die „Tunnel of Love-Express“- (1988) und die Reunion-Tour (1999/2000). Da gäbe es auch noch viel zu deuten. Nun ja.

Legendenstatus zu Recht

Für den letzten Teil unsere Serie kehren wir aber zurück in das Herz  der Goldenen Ära von Bruce Springsteen und der E Street Band. Ein beliebter  Disput, ob nun die „Darkness on the Edge of Town“-Tour von 1978 der absolute Höhepunkt der Bandgeschichte bildet. Oder doch die „The River“-Tour von 1980 und 1981. Ich weiß es doch auch nicht.

Nassau 31/12/80 ist jedenfalls eine dieser Shows, die seit Jahrzehnten unter den Fans ihren Legendenstatus innehatten, und das völlig zu Recht. Es gibt Shows, die diesen Status ironischerweise ausgerechnet verloren, nachdem sie in der Archive-Serie in voller Pracht erlebbar wurden (St. Louis 2008 galt jahrelang unter Fans als beste Show seit der Reunion, auch wegen bemerkenswerter Bootlegs – aber mittlerweile sind eine Reihe deutlich besserer Performances verfügbar). Die Silvester-Show von 1980 nicht. Es konnte ihr nicht einmal etwas anhaben, dass Toby Scotts Mix bei ihrer ersten Archive-Veröffentlichung im März 2015, sagen wir, suboptimal geriet. Jon Altschiller mischte das Konzert im Juni 2019 neu ab. Bester Mann!

Warum diese letzte von drei Spätdezember-Shows im Nassau Veterans Memorial Coliseum so unfassbar großartig ist? Weil alles stimmt. Die 38-Song-Setlist, das Tempo, die Dramaturgie, die Hingabe, die Ekstase. Springsteen singt immer noch ungestüm wie zwei Jahre zuvor, aber kontrollierter, dosierter, seiner Mittel noch sicherer. Und jetzt: Basecap ab zum Gebet. Von Anfang an spielt die E Street Band ein weiteres Mal drauflos, als ginge es um ihr Leben. Oder mindestens um einen neuen Plattenvertrag. „Ready to send out 1980?“, fragt Bruce die Fans. Aber sicher doch. Also bitte. Eine hochenergetische Version von „Night“ kracht gleich mal mit der Tür ins Haus. In „Prove it all Night“ kriegt Springsteen zu Beginn der zweiten Strophe ein kurzes Problem mit dem Mikro und ballert mit noch größerem Furor durch den Rest des Songs.

Bruce Springsteen

In diesen knapp vier Stunden gibt es aber auch immer wieder Momente zum Luftholen: bei „Independence Day“ oder der immer grandiosen, wenngleich heutzutage auch nur noch bedingt zeitgemäßen Kraftfahrzeugführungs-Verehrung „Racing in the Street“. Ansonsten gibt es zum Beispiel eine ganze Reihe erstaunlicher Cover-Versionen zu bewundern, etwa John Fogertys „Who’ll stop the Rain“, Woody Guthries „This Land is your Land“ und jahreszeittypische Fremdstücke wie „Merry Christmas Baby“ und „Santa Claus is coming to Town“. Roy Bittan baut von „The River“ mit Enno Morricones „Once Upon a Time in The West“ eine Piano-Brücke zu einem extra hochtourigen „Badlands“.

Nach der obligatorischen Pause spielt Springsteen das Publikum mit einigen eher leichtgewichtigen Stücken vom Doppelalbum „The River“ in den Partymodus („Cadillac Ranch“ – „Sherry Darling“ – „Hungry Heart“). Zwischendurch haut er das „Darkness“-Outtake „Rendevousz“ raus und später auch in einer Weltpremiere die nachgerade punkig dahinrasenden „Hungry Heart“-Single-B-Seite „Held up without a Gun“, die hiernach 28 Jahre verschollen bleibt und erst 2008 in Hamburg wieder auftaucht, weil ein Fan die gute Idee hatte, den Song auf einen großen Wunschzettel zuschreiben. Und holt die Leute mit dem traurigen „Fade Away“ wieder auf den Boden der Beziehungsmiseren zurück.

Ein Highlight ist danach das nach der „River“-Tour gleichfalls 28 Jahre nicht mehr gespielte „The Price you pay“ in einer langsamen Full-Band-Version, das eine zusätzliche Strophe enthält:

„Now some say forget the past, and some say don’t look back
But for every breath you take well buddy you leave a track
And though it don’t seem fair, for every smile that plays
A tear must fall somewhere.“

Diese Strophe stammt von einer „The Price you pay“-Version, die auf dem Single-LP-Album „The Ties That Bind“ drauf war, das Springsteen zunächst bei Sony abgab, ehe er es sich anders überlegte und es wieder zurücknahm. Auf dem Doppelalbum „The River“ fehlt diese Strophe dann jedoch. Es ist ein unwirklicher, zarter, wahrhaft magischer Höhepunkt eines Konzerts, das, je weiter es auf Mitternacht und damit den Jahreswechsel zugeht, die Höhepunkte auch weiterhin im Vorteilspack raushaut. Pünktlich nach Wilson Picketts „In the Midnight Hour“ schlägt es zwölf Uhr, das Jahr 1981 beginnt mit einem zünftigen, instrumentalen „Auld Lang Syne“. Und weiter geht es die Route der Besten entlang: „Jungleland“, „Born to run“, „Detroit Medley“, „Twist and Shout“ und „Raise your Hand“. Happy New Year indeed!

So endet also dieses Konzert, das für mich zumindest so lange das beste der Serie bleiben wird, bis vielleicht Winterland 1978 rauskommt, oder das Konzert für die Vietnam Veterans 1981, oder Ost-Berlin 1988. Oder, oder, oder. Das ist ja das Schöne an der Archives-Serie. Noch geht sie immer weiter. Jeden ersten Freitag im Monat.

Und wenn Doc Brown diesen zerschrotteten Delorean jemals wieder zusammenschraubt, stehe ich als erster als Anhalter am Straßenrand, den Daumen raus, die Augen weit offen, das Herz auch, das sowieso. Und alle diese wunderbaren Lieder im Kopf. Zeitleitung ein, Fluxkompensator an, einmal zum 31. Dezember 1980 bitte. Und ja, ein paar Straßen weiter steht Lutz Göllner, der will auch noch mit. Tramps like us.

Worauf warten wir noch?

Setlist:

NIGHT / PROVE IT ALL NIGHT / SPIRIT IN THE NIGHT / DARKNESS ON THE EDGE OF TOWN / INDEPENDENCE DAY / WHO’LL STOP THE RAIN / THIS LAND IS YOUR LAND / THE PROMISED LAND / OUT IN THE STREET / RACING IN THE STREET / THE RIVER / BADLANDS / THUNDER ROAD / CADILLAC RANCH / SHERRY DARLING / HUNGRY HEART / MERRY CHRISTMAS BABY / FIRE / CANDY’S ROOM / BECAUSE THE NIGHT / 4TH OF JULY, ASBURY PARK (SANDY) / RENDEZVOUS / FADE AWAY / THE PRICE YOU PAY / WRECK ON THE HIGHWAY / TWO HEARTS / RAMROD / YOU CAN LOOK (BUT YOU BETTER NOT TOUCH) / HELD UP WITHOUT A GUN / IN THE MIDNIGHT HOUR / AULD LANG SYNE / ROSALITA (COME OUT TONIGHT) / SANTA CLAUS IS COMIN‘ TO TOWN / JUNGLELAND / BORN TO RUN / DETROIT MEDLEY / TWIST AND SHOUT / RAISE YOUR HAND

Es gibt keine Videos vom Silvesterkonzert, aber vom offiziell veröffentlichten Konzert in Tempe:

„The Promised Land“:

„Hungry Heart“:

Und das beste „Badlands“ aller Zeiten:

Bonus Tracks

Auch von mir eine kleine, unvollständige Encore-Liste von großen und kleinen Momenten, die es nicht in diese zwölf Teile unserer Archive geschafft haben:

  1. Die herzergreifende Vater-Sohn-Konflikt-Story im sorgfältig arrangierten Intro zum Animals-Klassikers „It’s My Life“, eines der vielen Cover, die sich die E Street Band wahrhaft zueigen machte, 2/7/1977 Palace Theatre, Albany, NY.
  2. Die kreischende Ekstase, als Jimmy Cliffs „Trapped“ beim Finale der „Born In The U.S.A.“-Tour im Stadion von L.A. angestimmt wird, 9/27/1985 Los Angeles Memorial Coliseum, Los Angeles, CA .
  3. Die hypnotische frühere Version von „Follow that Dream“, die Elvis Presleys beschwingte Version einmal auf links dreht, 6/5/1981 Wembley Arena, London, UK .
  4. Wenn „Light of Day“ im „Tunnel of Love-Express“ in Steppenwolfs „Born To Be Wild“ übergeht, nein: eskaliert. 5/23/1988 Madison Square Garden, New York, NY .
  5. Wie Springsteen auf der „Tunnel“-Tour unversehens das rasend apokalyptische „Roulette“ raushaut, das 1979 als Reaktion auf einen Unfall im Three-Mile-Island-Atomkraftwerk entstand, aber erst 1987 als B-Seite der Single „One Step up“ veröffentlicht wurde, 7/3/1988 Stockholms Stadion, Stockholm, SE .
  6. Die eigenwillige Acapella-Version von „You can look (but you better not touch)“ als ersten Song beim akustischen Bridge School Benefit Concert im Shoreline Amphitheatr, 10/13/1986 Bridge School Benefit Concert at Shoreline Amphitheatre, Mountain View, CA .
  7. Der aus der Tiefe der Kehle herausgehauene  Zehn-Sekunden-Schrei im auf der Reunion-Tour zum Fullband-Kracher umarangierten „Ghost-of-Tom-Joad“-Stück „Youngstown“, 9/30/1999 United Center, Chicago, IL .
  8. Und: Der finale Song der „Reunion“-Tour Anfang 2000 – das 1995 bei der „Greatest Hits“-Session entstandene, zu Tränen rührende „Blood Brothers“, das die Legende der E Street Band weitererzählt und dem Bruce Springsteen an diesem Abend im Madison Square Garden mit fast brechender Stimme eine neue letzte Strophe hinzufügt, die auf magische Weise alles über diese Band einschließt, was einmal war, was gerade ist, was noch sein wird. 7/1/2000 Madison Square Garden, New York, NY .

„Now we’re out here on this road
On this road tonight
I close my eyes and feel so many friends around me
In the early evening light
And the miles we have come
And the battles won and lost
Are just so many roads traveled, so many rivers crossed
And I ask God for the strenght, and faith in one another
‚Cause its a good night for a ride, cross‘ this river to the otherside
My Blood Brothers.“

Video „Blood Brothers“ 2000 (fanmade, Sound: official download)

Ebet Roberts Redferns
Ebet Roberts Redferns


HERO: Jackson Browne über Bruce Springsteen

Bruce Springsteen ist in vielerlei Hinsicht die Verkörperung des Rock’n’Roll. Er verbindet Hillbilly-Musik, Rockabilly, Blues und R&B, und seine Musik repräsentiert die ureigensten Werte des Rock’n’Roll: Leidenschaft, das Bedürfnis nach Freiheit und die Suche nach sich selbst. In allen seinen Songs findet man eine Bereitschaft, selbst die einfachsten Aspekte des Lebens auf eindringliche und dramatische Weise zu porträtieren. Das erste Mal habe ich ihn in einem kleinen Club gehört, dem Bitter End in New York, wo er einen Gastauftritt hatte. https://www.youtube.com/watch?v=129kuDCQtHs „Sein Zugang zur Musik war Drama“ Ich fragte ihn, woher er käme, und er grinste ein bisschen und meinte,…
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