Klasse von ’87: War 1987 das beste Musikjahr aller Zeiten?

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Klasse von ’87: War 1987 das beste Musikjahr aller Zeiten?

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1986 war ja – wie auch unser Pop-Tagebuch-Kolumnist Eric Pfeil unlängst festellte, ein musikalisch eher unbedeutsames Jahr. 1987 erwies sich da schon als ganz anderes Kaliber – sowohl was den Mainstream angeht, als auch den Alternative-Sektor.

Wichtige Alben etablierter Künstler erschienen – Michael Jackson, Sting, Springsteen, Prince –, dazu gab es Platten von Musikern, die den Durchbruch endgültig schafften (George Michael, U2, R.E.M., INXS) sowie Newcomer a lá Terence Trent D’Arby und Guns N’Roses. Eric B & Rakim als auch Public Enemy legten gleich mit ihren Debüts Meilensteine vor.

Pixies und Dinosaur Jr. veröffentlichten grandiose Erstlinge, Sonic Youth lärmten immer lauter – und die Smiths meldeten sich ab, dafür mit gleich drei Alben.

Musikjahr 1987: Das beste aller Zeiten?

19. Januar 1987: Hüsker Dü – Warehouse: Songs and Stories

Hüsker Dü Warehouse Songs and Stories

Der so genannte „Schwanengesang“: Das letzte Werk des Trios aus Minneapolis, 20 Songs auf einem Doppelalbum. „Friend, You’ve Got To Fall“, dichtete Bob Mould, vielleicht war sein Kollege Grant Hart damit gemeint. Die Band ging im Streit auseinander.

23. Februar 1987: The Smiths – The World Won’t Listen

Die Smiths waren eine Album-, als auch eine Singles-Band. Compilations waren nötig, um den Output der Musiker zu katalogisieren. Alternativ-Versionen und wichtige B-Seiten wie „London“ und „Oscillate Wildly“, dazu unveröffentlichte Singles wie „You Just Haven’t Earned It Yet, Baby“.

9. März 1987: U2 – The Joshua Tree

Mit dieser Platte wurden die Iren zu Superstars, die A-Seite der LP dürfte eine der bekanntesten des Rock sein: „Where The Streets Have No Name“, „I Still Haven’t Found What I’m Looking For“, „With Or Without You“, „Bullet The Blue Sky“, „Running To Stand Still“. Cinemascope-Musik. U2 gehen in diesem Jahr mit dem Album auf Tournee, und den Kaktus-Baum kennt seit 1987 jeder.

30. März 1987: Erasure – The Circus

Erasure The Circus

Die zweite LP von Andy Bell und Vince Clarke, mit den Singles „Sometimes“, „Victim Of Love“ und „The Circus“. Auf das wichtigste Pop-Duo des Jahres angesprochen, würden die meisten Kritiker wohl auf die gebildeten Pet Shop Boys mit „Actually“ verweisen. Aber „The Circus“ hatte den Groove – und die Schönheit.

30. März: The Smiths – Louder Than Bombs

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Wie die Compilation „The World Won’t Listen“, aber für den US-Markt veröffentlicht. Mehr Songs als auf dem Schwester-Album, dazu Peel-Sessions wie „Is It Really So Strange?“. Es gehört zur Mode, diese primitiver klingenden Sessions den echten Studioversionen vorzuziehen. Warum auch immer.

31. März: Prince – Sign ‘O’ The Times

Kein Jahr ohne eine überraschende Prince-Platte, das war ein Mantra der Achtziger. Dieses Doppelalbum würde nicht sein meistgeliebtes werden, aber jenes, das die Kritiker am meisten respektierten. Der 29-Jährige war wieder „Prince“, ohne „The Revolution“, er wurde beäugt, ob er es wieder ohne etablierte Mitstreiter schaffen kann. Mit dem Titelstück näherte er sich erstmals dem Rap an. Für viele Rezensenten die beste Platte des Jahres 1987.

31. März: Level 42 – Running In The Family

Level 42 Running In The Family

Eine Kritikerband waren Level 42, gelinde gesagt, nie. Auch der ROLLING STONE bezeichnete sie als „Oberkellner“, weil sie für viele nicht so wirken, als hätten sie überhaupt etwas mit Musik zu tun.

Level 42 oder „die Levels“, wie keiner sie nennt, standen für Glätte, für Jazzpop, für entspanntes Anprobieren in der Umkleidekabine. Dazu ein Bassist, der aber seinen Job als Sport, als Hochgeschwindigkeitswettrennen versteht. Fans lieben die Melodien, die Fusion aus Black Music mit Blue Eyed Soul. Mit diesem Album feierten die Briten jedenfalls ihren größten Erfolg, „Lessons In Love“ war der Hit.

2. April: Suzanne Vega – Solitude Standing

Suzanne Vega Solitude Standing

Zu Unrecht wird die zweite Platte der Sängerin als eine Art „Vorlagengeberin“ bezeichnet – weil die Lemonheads mit der Coverversion von „Luka“ reüssierten, und „Tom’s Diner“ im Jahr 1990 mit jenem Soul-2-Soul-Beat, der in den Charts rauf und runter lief, im „DNA Remix“.

Die Kalifornierin versteht sich als Dichterin, Homers „Odyssee“ zählte sie hierfür als Einfluss, ebenso Paul Eluard; als Singer-Songwriterin hatte Vega Erfolg in einem Jahr, in dem Frauen es schwer hatten in der Musik.

13. April: Fleetwood Mac – Tango In The Night

Wer zur Zeit ihres Über-Albums „Rumours“ 1977 noch nicht geboren war, der wuchs mit „Tango In The Night“ auf. Das Album erschien zwar in jenem Jahrzehnt, in dem die Band seltsam bedeutungslos zwischen Americana, Pop und Schlager wandelte, hatte aber recht viele Hits: „Big Love“ sowie die zwei von Christine McVie dargebotenen „Little Lies“ und „Everywhere“, die die Band nach dem Ausstieg der Keyboarderin einfach aus ihren Live-Sets strich. Diese Platte sollte Fleetwood Mac zumindest bis in die Neunziger tragen.

13. April: Happy Mondays – Squirrel and G-Man Twenty Four Hour Party People Plastic Face Carnt Smile (White Out)

Happy Mondays Squirrel and G-Man Twenty Four Hour Party People Plastic Face Carnt Smile (White Out)

Eher archivarisch als musikalisch interessant: Das Debüt der späteren „Madchester“-Helden, die schon im folgenden Jahr mit „Bummed“ ihr erstes richtig gutes Album veröffentlichen würden. Wegen des Songs „Desmond“ gab’s damals Ärger von Michael Jackson persönlich, der die Rechte am Beatles-Katalog besaß und eine Ähnlichkeit mit „Ob-La-Di, Ob-La-Da“ vernehmen ließ.

Die Happy Mondays ließen sich nicht unterkriegen und nahmen später mit „Lazy Itis“ einen Song auf, der eine direkte Nähe zu „Ticket To Ride“ aufwies.

Ein Teil dieses Albumtitels wurde später Namensgeber des Michael-Winterbottom-Films „24 Hour Party People“.

23. April: Faith No More – Introduce Yourself

Faith No More Introduce Yourself

Immer noch etwas zu unentschlossen, was den Rap-Rock angeht, gelangen es Faith No More mit ihrer zweiten Platte noch nicht, das Genre zu zementieren.

Mit Chuck Mosley war auch noch nicht der voranpreschende Sänger gefunden, aber mit dem zynischen „We Care A Lot“ hatte dieses Album jenen Fast-Hit, den Fans wie Band bis heute lieben. Es ist ein Lied, das sicher auch Mike Patton gerne im Studio eingesungen hätte.

25. April: Public Enemy – Yo! Bum Rush the Show

In den Charts ging das Debüt von Public Enemy baden, aber der „NME“ erkannte das Potential der Gruppe und wählte „Yo! Bum Rush The Show“ zum Album des Jahres, später kürte der amerikanische ROLLING STONE es zu einem der „500 besten Alben aller Zeiten.“

Bewusst melodiearm, dafür voller Bomb-Squad-Samples: Die Wut sollte spürbar sein, nichts sollte davon ablenken. Und schon das nächste Werk würde Public Enemy, für kurze Zeit, zu den wichtigsten Rap-Musikern werden lassen.

27. April: David Bowie – Never Let Me Down

Bowie wurde 40, er verstand die Achtziger vor allem als Pop, und so versuchte er zu klingen wie jene Musiker, die mindestens eine Generation nach ihm kamen: Jackson, George Michael, Prince. Da konnte Bowie, der immer dann am besten war, wenn er seinem eigenen Gespür folgte, nur verlieren. Dafür hatte er auf der Bühne eine Riesenspinne aus Glas.

Das Album war vielleicht von Anfang an ein Konzeptionsfehler, auf jeden Fall litt es unter seinem Plastik-Sound. Potential hatten die Stücke durchaus – die Themen waren nicht fun, sondern Armut und nuklearer Winter. Außerdem lieferte Mickey Rourke einen Gast-Rap ab. Aber es bleibt erstaunlich: Denkt man an die Megastars der mittleren Achtziger, dann fallen einem eben alle ein, nur nicht dieser König der Siebzigerjahre; Bowie war gestürzt.

5. Mai: The Cure – Kiss Me Kiss Me Kiss Me

Nach zwei Jahren Studiopause, ihrer längsten, hatte Robert Smith endlich sein Doppel-Album zusammen. Voodoo-Hitze, Zoff mit Lol Tolhurst, Südfrankreich, Funk mit „Hot Hot Hot!!!“ – und mit „Just Like Heaven“ die perfekte Pop-Single. Dieses Album war wirklich larger than Life, an Nummer-eins-Positionen in den Charts natürlich trotzdem nicht zu denken.

2. Juni: The Go-Betweens – Tallulah

Zwei Songwriter, zwei Welten. Grant McLennan, frisch verschossen in die schöne Geigerin Amanda Brown, schwelgt in Liebesliedern und großem Pop; Robert Forster, frisch getrennt von Schlagzeugerin Lindy Morrison, gibt den dekadenten Untergangspoeten.

Ein zerrissenes finsteres Meisterwerk. (Maik Brüggemeyer)

3. Juli: Sonic Youth – Sister

Sonic Youth Sister

Wem das im folgenden Jahr veröffentlichte „Daydream Nation“ schon fast einen Tick zu viel Sonic-Youth-im-Rampenlicht war, der war bei der vierten Studioplatte der New Yorker gut aufgehoben: eher privat-politisch als das große Anti-Reagan-Szenario von 1988. Mit „Schizophrenia“, „(I Got A) Catholic Block“ und „Pacific Coast Highway“ gab es Stücke über persönliche Tragödien.

6. Juli: Echo & The Bunnymen – Echo & The Bunnymen

Die fünfte Platte von Ian McCulloch und Kollegen war in Amerika ihre erfolgreichste – sie schaffte es auf Platz 51. Damit wurde dem Sänger langsam klar, dass die Welteroberungspläne nicht mehr umzusetzen waren, ein „Ocean Rain“, das immerhin drei Jahre zurück lag, war nicht mehr zu schaffen.

Es ist bemerkenswert, dass die markanteste Single der Band von 1987 gar nicht auf dem Album war, sondern auf dem Soundtrack zu „The Lost Boys“: „People are Strange“. Eine Doors-Coverversion.

7. Juli:  Eric B & Rakim – Paid In Full

ROLLING STONE bezeichnete Rakim als den John Coltrane des HipHop. Der ursprüngliche Beat von „Paid In Full“, der “Ashley’s Roadclip” von Soul Searchers entstammt, hat auch das UK-DJ-Team Coldcut inspiriert, “Paid In Full (Seven Minutes Of Madness)” anzufertigen – den wohl besten Remix im HipHop.

„When I’m writing, I’m trapped between the lines/I escape when I finish the rhyme,”, erklärt Rakim in „I Know You Got Soul“, der einen Jam anreißt, der bald verschwinden würde, als Copyright-Anwälte aufkamen. Eric B. loopte dafür ein Stück des James-Brown-produzierten Songs von Bobby Byrd and the J.B.’s All Stars. Im Gegenzug verwendeten die britischen Mix-Meister M|A|R|R|S für ihren Hit „Pump Up The Volume“ ein Sample von Rakims erinnerungswürdiger Phrase.

aus: ROLLING STONE: die besten HipHop-Alben aller Zeiten

13. Juli: Terence Trent D’ Arby – Introducing The Hardline According To

Der britische Ex-Soldat warf seinen Hut zu Prince und Michael Jackson in den Ring, dabei ging sein Soul, wie in „Dance Little Sister“, eher Richtung James Brown. Anderes, wie „Sign Your Name“, ist schrecklich gealtert – englischer Billigpop.

Die Nummer-eins-Single in Amerika, „Wishing Well“, hatte D’Arby hoffentlich genossen – denn schon mit dem Nachfolger von 1989, „Neither Fish Nor Flesh“, ging es bergab (der Albumtitel, vielleicht wurde das nicht bedacht, ist ja schon negativ konnotiert – weder Fisch noch Fleisch, damit meint man nichts Besonderes, sondern etwas undefinierbar Misslungenes). Künstler-Umbennung (wie heißt der Mann heute nochmal?) und Plattheiten a lá „Vibrator“ würden folgen, aber in jenem Jahr rüttelte D’Arby an den Hierarchien.

21. Juli: Guns N’Roses – Appetite For Destruction

Das Jahrzehnt des Hair- und Glam-Metal, die Achtziger, endeten bereits 1987: mit diesem Debütalbum, das Brutalität nicht nur inszenierte, sondern dessen Akteure das Böse anscheinend auch lebten.

„Turn Around Bitch / I Got A Use For You”, sang Axl Rose, und war damit näher, wenn auch deutlicher, an den Stones als an, sagen wir, Cinderella und Kiss. Für Gn’R verwendete man den Begriff „Sleaze“ – weil man glaubt, dass Metal-Bands dringend Kategorien benötigen. „Appetite For Destruction“ war jedenfalls Hardrock, der bis heute nicht gealtert ist. Eine Genre-Leistung für die Ewigkeit.

3. August: Def Leppard – Hysteria

Für ROLLING STONE auf Platz 33 der besten Metal- und Hardrock-Alben aller Zeiten: „Ausgerechnet ein paar schlechtfrisierte Briten zeigten (mit Hilfe von Produzent Mutt Lange) den Amerikanern, wie perfekter Mainstream-Rock mit Monster-Refrains und -Riffs geht. Das vierte Def-Leppard-Album schoss in den USA und im UK auf Platz eins und hatte sieben (!) Single-Hits. Es war auch ein Triumph über die Tragödie: Rick Allen hatte bei einem Unfall einen Arm verloren und trommelte doch weiter.“

Im Vergleich mit dem nur drei Wochen zuvor veröffentlichten „Appetite For Destruction“ dennoch Musik wie aus einer anderen, alten Ära. Oder?

31. August: Michael Jackson – Bad

Michael Jackson Bad

Fünf Jahre Albumpause sind heute alles andere als eine Seltenheit, die lange Schaffensphase von „Bad“ machte dieses Werk aber damals wohl zur meisterwarteten Platte des Jahres – fünf Jahre lag Rekord-Megaseller „Thriller“ zurück.

Mit dem Abstand von 30 Jahren lässt sich sagen, dass „Bad“ so aufwendig, aktuell und klug konzipiert wie nur möglich war, mit einem dem HipHop entlehnten Ghetto-Image, Martin Scorsese als Video-Regisseur, zwei Duetten sowie einem Kinofilm („Moonwalker“), insgesamt neun Single-Auskopplungen.

Aber die Seele fehlte – das Album klingt wie von Robotern auf Computern eingespielt. Damals auch schon.

31. August: The Jesus and Mary Chain – Darklands

Die Reid-Brüder lernten nach dem Debüt „Psychocandy“ ihren Marktwert langsam einzuschätzen. Der Sturm auf den Bühnen ließ etwas nach, im Studio wagte man sich an komplexere, längere Songs.

Das langsam davonschwebende Titelstück bezaubert heute noch immer, und mit „Happy When It Rains“ gelang ihnen echter Pop. The Jesus and Mary Chain konnten damals natürlich nicht wissen, dass sie danach nur noch vereinzelt für Aufsehen sorgen würden. Erfolgreicher – und leider auch relevanter – könnten sie nach 1987 nicht mehr sein.

31. August: New Order – Substance 1987

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Kein Studioalbum, sondern ein Compilation, aber ähnlich wie bei den Smiths lohnt es sich für diese Band alle Einzelveröffentlichungen zusammenzutragen. „True Faith“, der größte Hit von New Order, findet sich hier erstmals, dazu gab es Neueinspielungen von „Temptation“ und „Confusion“.

Wohl eher unfreiwillig muss die Band um Sänger Bernard Sumner Vergleiche mit Phil Collins ertragen: Denn so wie der Genesis-Sänger mit seinen zuvor veröffentlichten „12ers“ versammelt die Band hier ihre Singles als Maxi-Versionen, wie sie sie im Blütejahrzehnt der Maxi-Versionen häufig anfertigten.

2. September: R.E.M. – Document

R.E.M. Document

Das fünfte R.E.M.-Studioalbum lief noch immer ein wenig unter dem Radar, wenngleich die Band aus Athens, Georgia, mit „The One I Love“ ihren ersten Top-Ten-Hit in den amerikanischen Singles-Charts verzeichnete: Platz neun.

Es sind die politischen Songs, auf die Michael Stipe und Co. am meisten stolz waren: „Finest Worksong“, „Exhuming McCarthy“ und natürlich der Namecheck-Marathon von „Its The End Of The World …“, dessen Stil später Billy Joel mit mehr Erfolg abgrasen sollte.

7. September: Pet Shop Boys – Actually

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Es gibt wohl kein britisch-blasierteres Wort als „Actually“, am deutlichsten mit einem geheuchelten Fragezeichen und hochgezogener Augenbraue: „Actually!?“

Neil Tennant war die Langeweile anzusehen, aber in ihren Songs pulsierte Verlangen. Es ging um das Recht zu lieben („It’s A Sin“), Scham wegen des sozialen Abstiegs („Rent“) und mit Dusty Springfield eine „coole Ausgrabung“: „What Have I Done To Deserve This“?. Einzig die Produktion, wie so oft bei den Pet Shop Boys, war – ungewollt – einen Tick zu sehr Pop-Trash. „Heart“ klang wie einem Samantha-Fox-Album entnommen.

7. September: Pink Floyd – A Momentary Lapse Of Reason

Die erste – und in den nächsten 30 Jahren sollten lediglich zwei weitere noch folgen – Studioplatte ohne den „Kopf“ Roger Waters. Im Vorgänger „The Final Cut“ hatte der Bassist sich bereits verausgabt, er flüsterte oder schrie sich aus über sein Lebensthema, den (Zweiten) Weltkrieg.

„A Momentary Lapse Of Reason“ hat keinen inhaltlichen Überbau, war gedacht als Soloalbum von Gitarrist und Co-Sänger David Gilmour. Die Single „Learning To Fly“ kündigte jene Soft-Flächen an, die Pink Floyd bis zu ihrem Ende bespielen würden. Die Betten auf dem Cover sollen übrigens wirklich alle vor Ort aufgestellt worden sein.

28. September: Pixies – Come On Pilgrim

Pixies Come On Pilgrim

Der 28. September würde gleich drei Spitzen-Veröffentlichungen vorweisen. Hier die erste. Die Debüt-EP der Pixies definierte die später von Cobain zum Trend gemachte Loud-Quiet-Loud Dynamik, Black Francis blies mit seinem Schrei von „Caribou“ alles weg.

Die Band aus Boston hatte zu diesem Zeitpunkt ihren heimlichen Pop-Hit „Here Comes Your Man“ längst fertig – zog es aber vor, diese acht aggressiven, kurzen Brecher vorzuschieben. Und im folgenden Jahr mit „Surfer Rosa“ eine spektakuläre Debüt-LP.

28. September: Depeche Mode – Music For The Masses

Music For The Masses Depeche Mode

Am Ende ihrer 1987er-Tournee würden Depeche Mode in Amerika in den Stadien spielen. Es war ein langer Weg für die Briten, fünf Alben hatten sie seit 1981 veröffentlicht, der ironisch gewählte Plattentitel symbolisierte den Traum, an den man nicht recht glauben wollte.

Die Single „Never Let Me Down Again“ war in ihrer Heimat kein Hit, würde sich aber in den Folgejahren zu der Live-Hymne entwickeln; „Sacred“ behandelte Martin Gores Lieblingsthema Spirtualität, „Behind The Wheel“ das Vertrauen, und „Nothing“ spiegelte die Hoffnungslosigkeit wider: „Life / Is Full Of Surprises / It Advertises / Nothing“.

Und ihre nächste Platte würde noch größer werden.

28. September: The Smiths – Strangeways, Here We Come

Auf dem Abschieds-Album der Smiths hatten Morrissey und Marr endlich ihren Glam-Sound, wie sie sich ihn wünschten. Es war die erste bombastisch klingende Platte („Stop Me If You Think You’ve Heard This One Before“), aber auch mit cleveren Samples versehen, wie in „Last Night I Dreamed That Somebody Loved Me“. Die Schmerzballade beginnt mit einem Klavier, unter das Rufe von streikenden Minenarbeitern gelegt wurden.

Überhaupt, die Tasteninstrumente: „A Rush and a Push and the Land is Ours“ war der erste Smiths-Opener, der komplette ohne Gitarre auskam. Aber die Zeit der Experimente war hiernach für das Quartett vorbei. Zum Glück endet das Album nicht mit dem – offensichtlicheren – „Last Night …“, sondern mit „I Won’t Share You“. „I Want The Freedom and the Guile“, singt Morrissey, und Marr spielt die Autoharp bis in den Fade-Out.

9. Oktober: Bruce Springsteen – Tunnel Of Love

Bruce Springsteen Tunnel Of Love

Dies waren die Achtziger, also richtigen Achtziger, denen Springsteen sich nicht entziehen konnte. Das Styling, der suggestive Titel, die Synthesizer und Drumcomputer. Und doch ist der Nachfolger von „Born in the USA“  mehr als nur „sein 1987er-Album“.

Der „Boss“ behandelt die Probleme mit der E Street Band, aber auch die Scheidung von Julianne Phillips. „Tougher than the Rest“ war seine Ansage, aber wenn Springsteen heute über Depressionen spricht, die ihn regelmäßig plagen, dann bietet diese Platte einen wichtigen Anhaltspunkt.

13. Oktober: Sting – „ … Nothing Like The Sun“

Sting Nothing Like The Sun

Das Live-Album „Bring On The Night“ (1986) mit seiner darauf zu hörenden, exzellenten Liveband befähigte Sting für sein zweites Soloalbum, sich noch tiefer in den Fusion-Bereich zu wagen: Funk, Rock, Latin, Jazz – für Branford Marsalis, Kenny Kirkland und Manu Katché eine spielerische Reise.

Bezeichnend, dass die Coverversion von „Little Wing“ der Gitarre von Hendrix das Orchestra von Gil Evans entgegensetzt – das das Stück meistert. Mit diesem Album wurde Sting außerdem zum Regenwald-Sting, und wer ihn – weshalb auch immer – hassen wollte, der fing hier damit an.

19. Oktober: INXS – Kick

INXS Kick

Genau, INXS, die hätte man im Gedanken an 1987 fast vergessen. Für dieses und das nächste Jahr aber waren INXS eine der größten Rockbands, und natürlich die größte Rockband Australiens – das Comeback von AC/DC mit „Thunderstruck“ war noch vier Jahre hin. Die Musiker hatten den Groove, Michael Hutchence die Stimme – und natürlich auch das Aussehen.

Viele waren überwältigt von den Australiern, konnten sie – obwohl „Kick“ bereits die sechste (!) Platte war, INXS hatten sich von den Kaschemmen aus hochgespielt – überhaupt nicht kategorisieren. Vorherige Singles wie „What I Need“ oder „Original Sin“ hatten den weltweiten Durchbruch noch nicht beschert. Nun gab es den Funk mit „Need You Tonight“ und den Bluesrock mit „Mystify“, und Amerika und Europa hörten zu. Erfolgreicher würden INXS nie mehr sein.

30. Oktober: George Michael – Faith

George Michael Faith

In den Achtzigern wurden Rekorde gebrochen, und wer Ende 1987 eine Platte veröffentlichte, musste den Ball dann 1988 laufen lassen. Im Folgejahr heimste George Michael für sein Solodebüt die Grammys ein, nicht Michael Jackson für „Bad“. „Faith“ verkaufte sich 1988 auch besser als „Bad“, besser als „The Joshua Tree” und „Appetite for Destruction“ auch.

Lediglich was die Anzahl der Nummer-eins-Singles in den USA anging, hatte Michael (George) gegenüber Michael (Jackson) das Nachsehen. Vier Top-Positionen für ihn, fünf für Jacko. Was für eine Zeit, was für Rekorde – und was für Luxus-Niederlagen.

2. November: Bryan Ferry – Bête Noire

Bryan Ferry Bete Noire

Mit „Boys and Girls“ (1985) hatte Ferry Oberwasser und seine Band Roxy Music war in weite Ferne gerückt. „Bête Noire” blieb zwei Jahre später hinter den Erwartungen zurück – etwas zu Unrecht.

„Kiss and Tell“, wahrscheinlich eine Abrechnung mit Jerry Hall (was für Achtziger-Affären!), war eine tolle Calypso-Popnummer, wie nur Ferry, damals bereits 42, sie unpeinlich rüberbringen konnte. Geradezu genial die Idee von „The Right Stuff“: Ferry sang über die Gitarren-Melodie des eher unbekannten Smiths-Instrumentals „Money Changes Everything“. Und um alles richtig zu machen, engagierte er dafür als Gitarristen sogleich Johnny Marr selbst.

2. November: George Harrison – Cloud Nine

Was wäre ein tolles Musikjahr ohne Musik eines Beatle? Mit „Cloud Nine“ veröffentlichte George Harrison, damals 44, dennoch sein letztes Soloalbum. Mit dem James- Ray-Cover von „I’ve Got My Mind Set On You“ (als „Got My Mind Set On You“) landete er tatsächlich in Amerika einen Nummer-eins-Hit. „When We Was Fab“ rührte als  – wie der Titel es schon ankündigte – Beatles-Hommage. Mit Produzent Jeff Lynne würde Harrison dann weiterziehen, bis zu den nicht von allen Fans geliebten „neuen“ Beatles-Liedern von 1995.

1987 gab es ja nicht nur Musik von einem Beatle, sondern auch von einem Stone. Aber „Primitive Cool“, Mick, war so cool nicht.

13. November: The Sisters Of Mercy – Floodland

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Die „Sisters“, also vor allem Andrew Eldritch, überführten Gothic-Klänge in den Mainstream. „Dominion“ spielte mit den Lovecraft-Dämonen der arabischen Welt, und das epische, durch einen Chor gestärkte „This Corrosion“ wurde zum Protestgesang einer Bewegung, die eigentlich nicht für Protest steht (und den „Hey Now“-Gesang übernahmen später auch Tocotronic).

Heute sieht Eldritch aus wie ein Billy Idol für Arme (und singt auch so), aber 1987 waren zumindest seine Texte so heiß, dass selbst die „Bravo“ kapitulierte. Die Jugendzeitschrift ließ „This Corrosion“ auf ihrer Songtexte-Seite unübersetzt. Offizielle Begründung: Die Lyrics hätten zu viele Wortspiele und Wort-Erfindungen, das könne man nicht ins Deutsche übertragen. Auch so entstehen Mythen.

30. November: Aztec Camera – Love

Azteca Camera Love

Drittes Album, erster Hit: Mit „Somewhere In My Heart“ hatte Roddy Frame alias Aztec Camera, trotz der langen Erfahrungen im Musikgeschäft erst 23 Jahre alt, endlich seinen Top-Ten-Erfolg im Vereinten Königreich.

Der DIY-Charme des Debüts „High Land, Hard Rain“ war hier komplett abgetragen, Frame zielte auf den „perfekten Pop“ ab und wollte gleichzeitig auf den Spuren Elvis’ wandeln. Das Werk ist nicht durchweg gelungen, aber „Working in a Goldmine“ und „Deep & Wide & Tall“ waren Hymnen.

14. Dezember: Dinosaur Jr. – You’re Living All Over Me

Ein Knall zum Jahresausklang: J Mascis, Lou Barlow und Murph mit einer ihrer dichtesten Song-Sammlungen: Härte, kontrolliertes Feedback, Verzweiflung und eine völlig neuartige, gequälte Art des Gesangs. Fazit: auf einen Schlag eine der wichtigsten Indie-Bands geworden.

Die Frampton-Coverversion „Show Me The Way” war nur auf Bonus-Editionen enthalten, deutete aber bereits an, wie Gitarrist J Mascis fremdes Material veredeln kann. Und der Albumtitel offenbarte Verletzlichkeit, eine Verletzlichkeit, die danach nur noch vereinzelt in Titeln der Band gezeigt werden würde.

(Genaues Datum unbekannt): Rainbirds – Rainbirds

In den 1980er-Jahren gab es Philip Boa, die Jeremy Days – und die Rainbirds. Gute deutsche Bands unter dem Label „Indie“ und dunkel gekleidet, und die auf Englisch sangen, denn Deutsch ließ sich nicht verkaufen. „Blueprint“ und „Boy On The Beach“ waren die kleinen Hits der Berliner Band um Sängerin Katharina Franck. Trotz des britisch anmutenden Images erkämpften sich die Rainbirds, zumindest für ein paar Jahre, den Ruf einer coolen Gruppe.

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