John Moreland im Interview: Country-Wurzeln und Hip-Hop-Beats


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Er galt lange als der Mann für traurige Texte. Mit seiner akustischen Gitarre sang John Moreland minimalistische Songs über Trauer, Herzschmerz und verblasste Erinnerungen. Doch das wurde dem aus Oklahoma stammenden Musiker zu viel. Er verlor seine Liebe zur Musik und wollte seinen Sound verändern.

Moreland fand auf seinem Album „LP5“ (2020) eine neue Leidenschaft. Er produzierte Beats für seine Songs, wandte sich ab von seinem Image. Aber er blieb seinen Wurzeln treu. Am 22. Juli wird sein neues Album „Birds In The Ceiling“ veröffentlicht werden. ROLLING STONE sprach mit dem Songwriter über die Folgen der Corona-Pandemie in seinem erzkonservativen Heimatstaat, YouTube-Videos über Tokio und ein mögliches Techno-Album.

John Moreland

Was ist das zentrale Thema des neuen Albums?

Ich würde sagen, dass es vor allem um Isolation geht. Es ist ja im Sommer 2021 geschrieben worden und ich erinnere mich mit den Songs ein bisschen an das letzte Jahr: Die Pandemie, die Lockdowns und das komplett verrückte politische Klima in den USA. Ich hatte einfach das Gefühl: „Was zur Hölle passiert hier?“ und „Was ist das für ein Leben gerade?“ (lacht) Ich war größtenteils zu Hause mit meiner Frau und wir haben sicher ein Jahr einfach niemanden gesehen.

Wie waren denn die Corona-Regeln bei Euch?

Also wir hätten zum Beispiel in den Supermarkt gehen können, aber das haben wir nie gemacht. Es hat sich einfach sehr komisch angefühlt. Wir leben in Oklahoma und hier sind die meisten Menschen sehr konservativ. Viele glauben nicht an die Wissenschaft und waren der Meinung, dass Covid nicht existiert. Es hat kaum jemand Masken getragen und wenn jemand Masken getragen hat, wurde die Person verspottet. Es war echt schlimm. Aber natürlich hat sich nicht jeder so extrem benommen.

Wie hat diese hitzige Stimmung Dein Songwriting beeinflusst?

Es hat auf jeden Fall meine familiären Beziehungen beeinflusst. Ich wurde von konservativen Menschen großgezogen und ich habe immer gedacht: „Das sind gute Menschen“, was ja in vielerlei Hinsicht auch stimmt. Aber wie können sie dann diese Verrücktheit unterstützen?

Kannst Du über solche Ansichten hinwegsehen?

Es ist wirklich schwierig. Ich treffe meine Eltern regelmäßig und sie sind wirklich gute Menschen, aber eben auch sehr beeinflusst von ihrer Umwelt. Ihre Einstellung ist: „Wir sind Christen und wir wählen darum immer nur diese Partei“ Ich habe das Gefühl, dass es in der Vergangenheit einfacher war, sich nicht einig zu sein. Jetzt nennen Menschen einen sofort ein Stück Scheiße, wenn man ihnen nicht zustimmt. Das ist natürlich schlecht, aber gleichzeitig zeigen Leute ihren Hass auch immer häufiger. Dann denke ich eben schon dass jemand ein Stück Scheiße ist. Wie kann ich das nicht denken?

Zu Deiner Musik: Du hast Deinen Sound über die Jahre verändert und es sind teilweise auch elektronische Einflüsse zu hören. Was begeistert Dich daran?

Einfach, dass es etwas Neues ist, finde ich cool. Ich schreibe immer noch gerne traurige Folk-Lieder, aber ich habe mir gedacht, wenn ich so weiter mache, ignoriere ich sehr viel Musik, die mich auch interessiert. In den letzten Jahren hat es mir viel Spaß gemacht Regeln zu brechen, unterschiedliche Einflüsse zu mixen und etwas neues zu erschaffen. Wenn man aufhört, sich an die Ästhetik anzupassen, die erwartet wird,  erschafft man seine eigene neue Ästhetik.

Welche musikalischen Einflüsse haben dazu geführt, dass Du deine Musik veränderst?

Seit ich ein Teenager bin, höre ich HipHop und mache Beats. Damals habe ich mit Fruity Loops angefangen, dann Logic und jetzt benutze ich Ableton. Wenn es um Künstler geht, dann höre ich gerne The Alchemist, JustBlaze oder Madlib. Meine Frau hat in ihrer Jugend sehr viele Raves besucht, also habe ich in den letzten Jahren auch House und Techno gehört. Ach ja und 90er-Pop mag ich auch. Janet Jackson, Sinéad O’Connor oder Sheryl Crowe.

Also in der Zukunft gibt es vielleicht ein Techno-Album…?

(lacht) Also wenn ich tatsächlich ein Album mache, werde ich es wahrscheinlich unter einem anderen Namen veröffentlichen. Aber das ist tatsächlich etwas, das ich vielleicht in der Zukunft machen werde.

Deine Musik ist sehr bildhaft. Wirst du von visuellen Quellen inspiriert?

Ja, ich denke schon. Meine Frau ist Zeichnerin und ihre Werke hängen bei uns im ganzen Haus verteilt. Sie hat mich sogar dazu gebracht zu zeichnen, das habe ich davor noch nie gemacht. Ich bin ein großer Fan von John McLaughlin – er malte abstrakten Expressionismus. Seine Werke sind eigentlich nur Rechtecke, aber sie sind sehr präzise platziert und es wirkt so beruhigend. Das beeinflusst auch meine Texte, die auch eher abstrakt sind.  Ich will nicht wirklich eine lineare Geschichte erzählen.

Cover von John Morelands „Birds In The Ceiling“

Warum ?

Ich finde es spannender, wenn man sich fragen muss, was die Texte bedeuten. Ich glaube, das ist besser, als es gesagt zu bekommen. Ich versuche nicht absichtlich verwirrend zu sein, aber ich mag, dass es nicht eine einfache Bedeutung gibt.

Wie war der Aufnahme-Prozess für das neue Album?

Die meisten Songs habe ich letzten Sommer im Juli geschrieben– im August und September habe ich mich dann in meinem Heimstudio um die Samples und die Schlagzeug-Parts gekümmert. Im Oktober war ich fertig und habe die Songs dann ins echte Studio mitgebracht.

Hast Du einen Lieblingssong auf dem Album?

Nicht wirklich, aber es gibt einen Song, der mich sehr überrascht hat. „Generational Dust“. Anfangs war es jetzt nicht einer meiner Lieblinge und ich hatte auch keine Ideen für die Post-Produktion. Aber wie er sich schlussendlich anhört, hat mich sehr positiv überrascht.

Mir ging es genauso. Worum geht es Deiner Meinung nach in dem Song?

Die Erinnerung an das Erwachsenwerden. „Generational Dust“ hat die Zeile, in der ich singe: „The Choices We Inherit“ und das fällt mir sehr stark auf, je älter ich werde.  Viele unserer Pfade im Leben sind erst durch die Entscheidungen anderer entstanden. Schlussendlich spiegelt der Song einfach meine eigene Kindheit und die vieler Freunde wieder.

John Moreland im The Joy Theater in New Orleans

Du hast auf diesem Album wieder mit deinem Produzenten Matt Pence zusammengearbeitet. Wie sieht die Zusammenarbeit bei Euch aus?

Es war großartig. Ich war ein großer Fan seiner Band Centro-Matic und als wir uns getroffen haben, war schnell klar, dass wir auf der selben Wellenlänge sind. Wir haben dieselben Instinkte, wenn es um Songs geht. Außerdem sind seine Fähigkeiten als Tontechniker toll, ich habe sehr viel von ihm gelernt. Auch als Produzent ist er fantastisch. Er hilft mir auch bei Songs, bei denen ich nicht mehr weiter weiß.

Irgendwelche Beispiele dafür?

Der Song „Truth Be Told“ von dem neuen Album zum Beispiel. Es war schon viel elektronischer Einfluss zu hören, aber es hat sich trotzdem nicht gut angefühlt. Matt hat dann das Schlagzeug gespielt und es war der Wahnsinn.

Du hast in einem Interview einmal gesagt, dass Du Ruhe brauchst, um Songs zu schreiben. Wie hat das Songwriting auf diesem Album funktioniert?

Ich habe immer schon am liebsten in der Nacht geschrieben, wenn jeder schläft. So zwischen 12 bis 4 Uhr in der Früh. Während der Pandemie bin dann auf diese YouTube-Videos gestoßen, wo Menschen in der Nacht durch Tokio spazieren. Ich hab dann stets die Lichter ausgeschaltet, meine Gitarre genommen und mich von den Videos inspirieren lassen. Falls ich Probleme hatte, waren diese Videos auch perfekt, um meinen Kopf frei zu kriegen.

Zum Anfang Deiner Karriere: Du hast damals ganz andere Musik gespielt als jetzt…

Du meinst die Hardcore-Bands? Ja das war so Teenager-Scheiße. Punk-Rock war das erste Genre, das mich dazu gebracht hat, Musik zu spielen. Ich glaube, vielen Menschen in meiner Altersgruppe ging das so. Ich habe Bands wie Green Day gehört und mir gedacht: „Ich kann das auch“– so hat es angefangen. Später habe ich dann Indie-Rock von The Magnolia Electric Company, Songs: Ohia oder Beck gehört. Irgendwann bin ich dann durch die TV-Show „Wide Open Country“ bei Americana gelandet.

Was hat Dich daran begeistert?

Es hat sich vertraut angehört, weil es mich an die Musik erinnert hat, die immer da war in meinem Leben. Aber es war auch neu und aufregend. Ich find diese Kombination sehr cool. Darum mag ich „Sea Change“ von Beck. Er mischt Folk-Musik mit coolen, neuen Sounds, die sich eher nach The Flaming Lips anhören. Auch die Texte haben mich begeistert. Im Hardcore ist das einfach nicht so wichtig, weil es eh niemand versteht. Aber es ist schon etwas anderes, wenn man den Text mit der Musik gemeinsam hört.

Hat Schreiben für Dich erst mit dem Songwriting angefangen oder hast Du davor schon Geschichten geschrieben? 

Es war für mich immer nur Songwriting. Andere Musiker erzählen oft, dass sie sich mehr für die literarische Seite interessieren, aber bei mir ist das gar nicht der Fall. Ich bin hier für die Musik. Ich will natürlich gute Texte schreiben, aber die Musik ist das wichtigste.

Terry Wyatt
Erika Goldring Getty Images