Kritik: Letztes Konzert von Genesis – Himmel ohne Engel


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Dann, mitten in der Nacht, war plötzlich dieses Foto im Netz. Aufgenommen wohl in einem Waschraum, irgendwo im Katakomben-Labyrinth des Londoner Millennium Dome, zeigte es die Männer, deren gemeinsamer Weg vor vielen Jahren endete und die trotzdem für immer miteinander verbunden sein werden: einen etwas müde, aber mit der ihm eigenen Güte aus den Augen schauenden Peter Gabriel und einen sich auf den Weggefährten stützenden, mit randloser Rundbrille und fast erleichtert wirkenden Phil Collins.

Daneben der ergraute Hüne Richard Macphail, seit Schulzeiten Freund und Tourmanager der Band, die wenige Stunden zuvor zu Grabe getragen wurden: Genesis. 53 Jahren nach der Bandgründung, fast auf den Tag 46 Jahren nachdem Collins von Gabriel das Mikrofon übernommen hatte, das endgültige Finale. Angekündigt war es lange, aber Collins ließ keinen Spielraum. „Das ist das letzte Konzert der Tour und es ist das letzte Mal, dass Genesis zusammenspielen werden“, sagt er gleich zu Beginn des Konzerts.

Vielleicht das beste Konzert der „The Last Domino?“-Tour

Wie begeht man so eine selbstbestimmte Beerdigung? Man könnte beispielsweise alle noch lebenden Ex-Mitglieder noch einmal auf die Bühne holen, für ein paar Momente versöhnlicher Nostalgie, als Harmoniezeichen. Man könnte die Setlist, die sich seit Beginn der „The Last Domino?“-Tour (das Fragezeichen ist auf T-Shirts mittlerweile zum Ausrufezeichen geworden) im vergangenen Herbst exakt einmal geändert (als „Misunderstanding“ statt „Duchess“ gespielt wurde) hat, ergänzen, etwas Außerordentliches spielen, mit den Kollegen als Gästen.

Doch die drei Rest-Genesis-Mitglieder, Mike Rutherford, Tony Banks und eben Phil Collins, entschieden sich dafür, ein großartiges Konzert zu spielen, vielleicht das beste der Tournee. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Keine Stunde vor Konzertbeginn hatten die ersten, hektischen Nachrichten die Runde gemacht: Peter Gabriel ist in der Halle. Das Undenkbare, die Reunion, wenigstens für einen Augenschlag, war denkbar. Totenstill wurde es in der Halle, als Collins ankündigte: „Normalerweise stelle ich hier jetzt die Band vor“ – um dann doch nur die Roadies, Techniker und Caterer zu loben (die später zu „I Can’t Dance“ winkelarmig über die Bühne polonaisieren sollten) und sich beim Manager zu bedanken. Allerdings ohne Tony Smith, dem Mann, dessen Idee diese letzte Tour gewesen war, namentlich zu erwähnen. Wirkte das kühl und distanziert? Ja. Es sind ja immer solche Details.

Schlechter Start, grandioses Finale

Ich habe Genesis auf dieser Tour sieben Mal gesehen. Das erste Konzert war eine Katastrophe, die wohl schon drohende Covid-Quarantäne, der zeitweilige Tourabbruch, vor allem aber ein handfester Streit zwischen Collins und Banks, von dem man hört, machten Glasgow zu einer halbgaren, fahrigen Angelegenheit.

Auf dieser Tournee aber durfte sich die Band keine Dissonanzen leisten (Fehler schon – es waren erstaunlich viele) – alles war darauf ausgerichtet, dass das Kollektiv Genesis, ergänzt um den wirklich unfassbar talentierten Nic Collins („my little boy“) und den Gitarristen Daryl Stuermer, perfekt funktioniert. Nur so konnte die schwächste Flanke der Unternehmung, der kranke, fragile Ausnahmemusiker Collins, derart umhegt und geschützt werden, dass seine Schwächen zu Stärken wurden.

Denn tatsächlich zeigten alle übrigen Konzerte die Größe der Band, die, durch Collins Schmerz und – ja – Qual, von aller Suppenkasperhaftigkeit der letzten Tourneen befreit, endlich wieder so strahlen konnte wie schon seit vierzig (!) Jahren nicht mehr. Aus der Band, die zuletzt eher eine Art Präsentation ihrer größten Hits in Stil einer gigantischen Powerpoint-Produktion abgeliefert hatte, war wieder eine echte Rockband geworden.

So viele gibt´s ja nicht mehr. Dabei hat sich die Setlist kaum merklich geändert, auch die Unsäglichkeiten wie „Invisible Touch“ und „I Can’t Dance“ wurden gespielt, diesmal mit dem großen Unterschied, dass Collins‘ Fragilität selbst diesen Stücken eine Art Würde verlieh, die sie vorher nicht hatten und die sie tatsächlich auch gegen die grandiosen Highlights wie „Second Home By The Sea“, den Snippets aus „The Cinema Show“ und „Firth Of Fifth“ und das hier gloriose „I Know What I Like“ bestehen ließen.

„Übrigens, Peter ist im Publikum“

Nun schrie in London, so wie es bei jedem Konzert passierte, ein Neunmalkluger nach dem 23-Minuten-Epos „Supper’s Ready“. Doch diesmal ging Collins drauf ein: „Übrigens, Peter ist im Publikum. Peter Gabriel.“ Tosender Applaus – und gleichzeitig die Gewissheit, dass der, der in Amex-Loge sitzt, nicht gleich auf die Bühne kommen wird. Collins, in altem Witz: „Vielleicht war er es ja, der gerufen hat.“

Im Nachhinein: Einen Finger des Teufels Wahl hätte ich dafür gegeben, Genesis auch nur eine Sekunde mit Gabriel auf der Bühne zur sehen. Andererseits: es waren Collins, Rutherford und Banks, die dieses Comeback gerissen haben, sie allein. Auch um den Preis, dass sich das Konzert eher anfühlte wie der Abschluss einer großen Tour und nicht unbedingt wie der einer fantastischen Karriere, war alles richtig so. Und richtig ist eben nicht immer gut.

Das Foto aber spät in der Nacht zu sehen, war ein Stich ins Herz. Wir waren so nah dran. Aber es war eben nicht unsere Show. Es war die von Genesis: Tony Banks, Mike Rutherford und Phil Collins.