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Review: „Twin Peaks“, Staffel 3, Folge 11: Endlich gibt es Kirschkuchen!


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Das ist passiert

Becky (Amanda Seyfried) platzt die Hutschnur, als sie Wind davon bekommt, dass ihr drogenabhängiger Gatte mit einem anderen Mädchen in den Federn liegt. Sahen wir sie in Episode fünf noch glückselig und stoned in den Himmel blickend, so verändert sich ihr Gesichtsausdruck nun zu einem giftgeifernden, vom Koks angetriebenen Höllenblick. Kurzerhand schnappt sie sich den Wagen ihrer Mutter Shelly (Mädchen Amick) sowie eine Waffe und stürmt auf das vermutete Liebesnest zu. Als Becky dort niemanden antrifft, knallt sie trotzdem ein paar Kugeln ab. Und die entfesselte Lynch-Kamera, die sich ihren Weg über Highways, in Ohren, Schatullen und Nachtclubs bahnt, zeigt uns, dass sie mit ihrer Affären-Vermutung recht hat – doch das Ziel verfehlt wurde.

Später gibt es eine Aussprache von Mama und Tochter im Diner, bei der auch Deputy Bobby Briggs (Dana Ashbrook) dabei ist. Wir erfahren, dass Becky ihre gemeinsame Tochter ist und beide einst geheiratet hatten. Doch inzwischen leben sie getrennt und der arme Bobby muss hilflos mit ansehen, wie seine Ex anscheinend einen ganz anderen Fang gemacht hat. Allerdings wohl keinen guten, denn es handelt sich um den üblen Red (Balthazar Getty). Dann krachen aber plötzlich Schüsse in den Laden…

FBI-Vizedirektor Gordon Cole (David Lynch) untersucht gemeinsam mit Albert Rosenfield (Miguel Ferrer) und Tammy Preston (Krysta Belle) ein Grundstück in Buckhorn, South Dakota, auf dem sich anscheinend ein Tor zur Parallelwelt befindet, von der „Twin Peaks: The Return“ eigentlich mit jeder Folge handelt und die mit dem Red Room nur unzureichend lokalisiert ist.

Was verbirgt sich hinter diesem Wirbel?
Was verbirgt sich hinter diesem Wirbel?

Während Detective Dave Macklay (Brent Briscoe) mit dem verhafteten William Hastings (Matthew Lillard), der hier einst Major Briggs (Don S. Davis) gesehen haben will, im Polizeiwagen verweilt, wird Cole fast in einen seltsamen Wirbel gezogen, der sich am Himmel auftut und einen Blick auf jene grausigen bärtigen Männer gewehrt, die bisher schon mehrfach ihr Unwesen getrieben haben. Einer davon wird auch von Rosenfield gesehen. Er bewegt sich auf das Auto zu – und plötzlich ist Hastings nur noch eine grausam verstümmelte Leiche. Auf dem Anwesen finden die Ermittler noch einen weiteren gliedlosen Leichnam. Auf den Schreck gibt es später immerhin Donuts und Kaffee (Cole: „A The Police Man’s Dream“).

Derweil sind die Mitchum-Brüder Bradley (Jim Belushi) und Rodney (Robert Knepper) in Las Vegas fest entschlossen, Dougie Jones (Kyle MacLachlan) umzulegen, doch Bradley hat Zweifel nach einem Traum in der Nacht, den er seinem Bruder beim skurrilen Cerealien-Frühstück gesteht. Doch die Todesdrohung löst sich in Luft auf, als klar wird, dass Dougie nachgewiesen hat, dass es sich bei dem Casino-Brand gar nicht um ein vorsätzlich gelegtes Feuer handelte.

Deshalb bekommt Dougie den Auftrag, den Scheck über 30 Millionen Dollar persönlich zu überreichen und erhält dazu noch vom Einarmigen aus dem Red Room einen seltsamen Karton, den er mit zu dem Treffen in die Wüste bringt. Eine ganz fabelhafte „Sieben“-Referenz. Allerdings folgt darauf kein Grauen. Im Gegenteil! Bradley erkennt, dass er das Päckchen schon einmal in seinem Traum gesehen hat und tippt richtig darauf, dass sich darin Kirschkuchen befindet. Und nach all den Verwirrungen der letzten Episoden löst sich Folge 11 in sagenhaftem Wohlgefallen auf: Gemeinsam laben sich die Mitchum-Brüder mit Dougie in einer Bar am deliziösen Backwerk, was den armen, so gut wie sprachlosen Tor fast zurück in Agent Dale Cooper verwandelt. Dazu gibt es ein Schlückchen Sekt und ein Wiedersehen mit der „Mr. Jackpot“-Oma.

Bobby Briggs

Der heimliche Star dieser Episode, einer der besten der neuen Staffel, weil wir ihn nun endlich ein wenig näher kennenlernen dürfen. Am Ende hatte er sich vor vielen Jahren also doch für Shelly entschieden (und sie sich für ihn). Beide haben ein Kind bekommen – Becky -, das das Temperament beider Eltern zu gleichen Maßen mitbekommen hat. Dann war irgendwann Schluss. Warum, das wissen wir nicht. Bobbys sehnsuchtsvoller Blick, als seine Ex-Frau mit Red turtelt, spricht aber Bände und zeigt vor allem auch, dass wir Dana Ashbrook vielleicht als Schauspieler immer etwas unterschätzt haben. (Großartig war ja schon seine emotionale Reaktion, als er in der vierten Folge wieder ein Bild von Laura Palmer sah und sofort in Agonie ausbrach). Sorgt er sich um „seine“ Shelly?

Doch dann ist der Deputy gefragt. Im Diner landen mehrere Schüsse, Bobby reagiert sofort. Anscheinend hat eine kleine Rotzgöre sich die Waffe in der Familienkarre geschnappt und einfach losgeschossen. Ein echter Lynch-Moment! Während eine Autofahrerin wie irre geworden hupt, kreischt die Mutter des Jungen ihren Mann wegen seiner Sorglosigkeit an. Bobby schaut auf den hilflosen und desinteressierten Mann und den verstörenden Jungen. Beide in gleicher Körperhaltung. Es ist das alltägliche amerikanische Grauen in einer Welt ohne vernünftige Waffengesetze. Lynch ist eben nicht nur ein kluger Sachverwalter des surrealistisch-absurden Humors, sondern auch ein scharfer Satiriker. Doch dann versucht Bobby die hupende, gellende Frau zu beruhigen – und entdeckt ein sich windendes, Schleim speiendes Mädchen. „Der Exorzist“ lässt grüßen. Hat Lynch etwa vor, in „Twin Peaks: The Return“ all seinen Lieblingsfilmen Reverenz zu erweisen? Auf jeden Fall eine herausragende Grand-Guignol-Sequenz.

William Hastings

Matthew Lillard als William Hastings ist eine der großen Entdeckungen der neuen Staffel. Allein sein zerflenntes Geschwafel, als er von den Detectives zu seiner Begegnung mit Major Briggs in Folge 10 befragt wird, dürfte auf ewig in Erinnerung bleiben. In dieser Episode bleibt ihm nur ein angstverzerrter Blick – und dann ist er verschwunden. Gewaltsam von einem der Woodmen getötet. Kopflos. R.I.P.

Truman, Hawk und die Log Lady

Kommen wir des Rätsels Lösung näher? Seit der grandiosen, aber auch verwirrenden Episode 8 (BOB! Atombombe!), fügen sich die fragmentarischen Szenen immer mehr zu einem Hauch von einem Plot zusammen. Die vergangenen 60 Minuten dürften in ihrer fast klassischen Dreiteilung zwischen den Handlungssträngen wohl die klarsten der ganzen Staffel gewesen sein. Hawk (Michael Horse) scheint auf einer alten indianischen Karte genau jenen Ort ausfindig zu machen, den Cole und Co. bereits untersucht haben.

Während Truman (Robert Foster) es nicht vermeiden kann, sich über die indianische Abstammung seines Kollegen lustig zu machen, klärt dieser ihn über das schwarze Feuer auf. Die mystische Urkraft, die hinter all den Ereignissen steht, die „Twin Peaks“ erschüttert haben? Ein Anruf der Log Lady (Catherine E. Coulson) bestätigt, dass beide auf der richtigen Spur sind. Ist das schwarze Feuer die Atomenergie der Bombe? Truman fragt Hawk nach einem seltsamen Eulen-Symbol auf der Karte. Aber eine Antwort erhält er nicht. Hawk: „Frank, you don’t ever wanna know about that.“

Gersten Hayward

Natürlich sind es die kleinen, fast nur sekundenkurzen Auftritte der „Twin Peaks“-Stars aus den ersten beiden Staffeln, die vor allem bei den Die-Hard-Fans für Aufsehen sorgen. David Lynch hat sie wie Gespenster in die Handlung von „Twin Peaks: The Return“ implementiert. Sie tauchen auf, sie verschwinden wieder – und haben vielleicht nur diesen einen Auftritt. So ist es vielleicht auch mit Gersten Hayward (Alicia Witt). Sie ist die Affäre von Steven (Caleb Landry Jones), wie die Besetzungsliste der IMDB aufklärt. Falls sie sich nicht mehr erinnern können: Das ist die rothaarige, Klavier spielende Schwester von Donna, die in nur einer Folge der Serie in der zweiten Staffel aufgetreten ist. Sie ist die jüngste der drei Hayward-Schwestern und wurde auch schon vor 25 Jahren von Alicia Witt gemimt.

Dougie Jones

Noch immer streiten sich im Netz viele „Twin Peaks“-Zuschauer über die Bedeutung und überhaupt das Verhalten von Dougie Jones‘. Kyle MacLachlan entwickelt die Buster Keaton auf viele Weisen ähnelnde Marionetten-Figur mit großer komödiantischen Hingabe. Spielt David Lynch metareflexiv mit der Tatsache, dass Agent Dale Cooper mit seiner buddhistischen Gelassenheit, seinem Gutmenschen-Charme und überhaupt seinen perfekten Manieren in den ersten Seasons vor mehr als zwei Dekaden nichts anderes war als eine ideale Projektionsfläche für den Zuschauer, um überhaupt Zugang zum ungewöhnlichen Mystery-Kosmos der Serie zu finden? Ein Zustand, der in der heutigen Serienwelt mit ihren ambivalenten Charakteren von Tony Soprano bis Frank Underwood eher ein Witz wäre.

Und so erleben wir den wohl witzigsten Zombie in einer Fernsehwelt, die von Zombies völlig überbevölkert wird. Eine Figur, die nicht handelt, sondern mit der gehandelt wird. Derartige Situationskomik verkneift sich das TV aus guten Gründen. Es ist eine Domäne des Kinos, das mehr will, als nur eine spannende Geschichte zu erzählen. „Twin Peaks: The Return“ gehört auf die große Leinwand!

Angelo Badalamenti und David Lynch

Bisher wird der Score von Angelo Badalamenti, immerhin einer der Erfolgskriterien der ersten beiden Staffeln und Garant für die Wiedererkennbarkeit der von Lynch ja nur zu sehr geringen Teilen inszenierten Serie, fast ein wenig stiefmütterlich in „Twin Peaks: The Return“ verwendet. Im Grunde erzielte die „Threnody for the Victims of Hiroshima“ von Krzysztof Penderecki (zu hören bei der Atombombenexplosion in Folge 8 und als Anspielung auch noch einmal in dieser Episode) einen wesentlich größeren atmosphärischen Effekt als die wenigen neuen Eigenkompositionen. Und dann sind da ja auch noch die „Bang Bang Bar“-Auftritte, die mal mehr und mal weniger Aufmerksamkeit abziehen.

Doch nun gehört die Bühne endlich ganz Badalamenti und Lynch, der mitschrieb. Für die fantastische Kirschkuchen-Sequenz, mit der die Folge endet, komponierten beide den natürlich gewaltig kitschigen, aber auch intimen Track „Heartbreaking“. Dazu gibt es den Besuch der alten Dame, der Dougie „Mr. Jackpot“ Jones das Leben verändert hat. Allein wegen dieser Komposition lohnt sich schon die Anschaffung des am 08. September erscheinenden Soundtracks zur Serie.

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