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Ist Britpop schuld am Brexit-Desaster?

🔥20 große Irrtümer der Popgeschichte

1995 war Caitlin Moran gerade erst 20 und noch lange keine weltberühmte feministische Buchautorin, aber längst ein ­etablierter Star in der schnellen Welt des britischen Musik­journalismus. Als solcher begleitete sie Blur, die aktuellen Spitzenreiter der britischen Charts, auf ihrer „Seaside Tour“, einem Triumphzug entlang der von großen Acts sonst gemiedenen, in Überalterung erstarrten Seebäder der englischen Küstenstädte.

An einem lauen Septemberabend saß sie also mit den Bandmitgliedern in einer Hotel-Lobby in Eastbourne herum, als Bassist Alex James im „Observer“ einen Artikel über ihre Erzrivalen Oasis las. „Für den Gitarristen hab ich was über, und der Schlagzeuger soll ein netter Kerl sein“, wurde Noel Gallagher darin zitiert. „Aber der Bassist und der Sänger, ich hoffe, dass die sich Aids holen und sterben. Ich hasse die beiden!“

Als James das gelesen habe, erzählt Moran, „stand er auf und ging geradewegs aus dem Hotel und über die Straße an den Strand. Sein Presseagent rief ihm hinterher: ,Alex, komm zurück!‘ Wir dachten alle, er würde Selbstmord begehen. Er hatte nur eine Flasche Champagner und eine Zigarette bei sich. Also liefen wir alle runter zum Strand. Da steckte die Flasche im Sand, und alles, was man sehen konnte, war dieses orangene Funkeln einer Zigarette weit draußen im Meer. Wir riefen: ,Alex, komm zurück, bring dich nicht um!‘ Und dann sah man diesen orangenen Punkt eine Wendung machen. Er kam zurückgeschwommen, stieg unglaublich elegant aus dem Meer, hob die Flasche auf, nahm einen Schluck und sagte: ,Sollen wir noch eine Runde Pool spielen?‘ “

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Die fernen 90er-Jahre in Großbritannien, sie waren so anders als das Heute. Todeswünsche wurden einem nicht per Twitter, sondern per Sonntags­zeitung ausgerichtet. Andere Dinge dagegen kommen einem von der Gegenwart her sehr bekannt vor: Die romantische Idee, dass ein selbstbewusstes Groß­britannien sich seine Pop-Welt so wie einst in den goldenen Sixties wieder ganz selbst erschaffen könnte, hatte in ihrer Ausführung längst verschüttete, uralte Kollektivneurosen offengelegt und zu einer bitteren Spaltung der Nation geführt.

Blur vs. Oasis

Jeder hatte sich zu entscheiden zwischen den bourgeoisen Besserwissern aus dem Süden und den proletarischen echten Kerlen aus dem Norden, und je länger dieser Konflikt andauerte, desto tiefer verbohrte sich seine Austragung in faktenbefreite Klischees. (Auch Blur waren zur Hälfte Working Class, aber im Unterschied zu Oasis lasen sie Bücher und hatten Kunst studiert; das allein machte sie des Elitarismus verdächtig.)



Noel Gallagher: „Helene Fischer bedroht die Welt“

Noel Gallagher, der unlängst ein umjubeltes Konzert in Berlin gegeben hat, wird wohl kein Freund deutscher Musik mehr. Machte er sich zuletzt noch über die Vorstellung lustig, dass es hierzulande auch Rapmusiker gibt, verlor er in einem Interview mit der "Welt" nun die Fassung. Die Redakteure spielten dem Briten ein deutsches Lied vor – "Atemlos" von Helene Fischer. Davor verglichen sie den Erfolg von Oasis in den Neunzigern mit der heutigen Popularität Fischers. "Wer soll das sein?", fragte Gallagher zurück. "Hören Sie am besten selbst", antwortete die "Welt". Gallaghers Reaktion: "Das ist furchtbar! Gott, können wir das bitte ausmachen? Das ist…
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