Buyer’s Guide: Alle Alben von A-ha im Ranking


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Essenziell

Hunting High and Low (1985)

Sie kleideten sich wie die Rebellen aus „Rumble Fish“ und sangen über Auszug aus dem Elternhaus, Gesichtsverlust („I‘m too young to take on my deepest fears“) und Einsamkeit in fremden Ländern. „Would she laugh at my accent?“, fragt Morten Harket, der auf seine Angebetete wartet, in „The Blue Sky“. Mit „Living A Boy’s Adventure Tale“ geht es in die Natur, dem Wetter und der Nacht ausgeliefert: „The rain pours down, my head in hands, pressed to the ground“.

Die Bonus-Stücke der 2015er-Edition  erhellen die Evolution der Single „Take On Me“. A-ha wussten: Das wird ein Welterfolg, wenn sie nur lange genug daran schrauben; der heutige Klassiker chartete erst mit der dritten Veröffentlichung und in einer Neuaufnahme. Das epische Titelstück kartografiert die (emotionale) Landschaft, in der jemand über einen Verlust zu singen vermag, neu. Alles war voller Berge, Meeresböden und Wälder. „Hunting High and Low“ ist eines der vielen 1985er-Alben übers Erwachsenwerden: „Songs From The Big Chair“ „Like A Virgin“, „Meat Is Murder“, „Steve McQueen“ … und selbst die Werke schlechterer Bands erzielten mit dem Thema Alter Aufmerksamkeit – wie „Misplaced Childhood“ von Marillion.

Scoundrel Days (1986)

Nicht nur durch den grammatikalisch unnötig komplizierten Song-Titel „I’ve Been Losing You“ zeigte ihr zweites und bestes Album eine neue Richtung an.  A-ha versuchten sich als Rockmusiker. „Scoundrel Days“ schildert Leben aus der Perspektive eines Heranwachsenden, der auf die schiefe Bahn gerät. 

Es geht um Mörder und Häftlinge – „well, they gave me four years“, wie in „The Soft Rains Of April“. Und das Wetter war wieder ein Gegner: „October“ als Monat, der Einsamkeit schafft. „Wir mussten der Industrie einfach zeigen, wer wir wirklich sind“, sagte Harket. „Teenager werden von so vielen verschiedenen Gefühlen beherrscht: existentiellen Fragen, Glaube, Atheismus, Hass, Liebe natürlich. Komplexe Sachen. Wir kann man das nicht ernst nehmen?“ Das zweite Werk würde daher ihr freiheitlichstes sein – was das Trio für die Komposition voller verzweifelter Songs nutzte, abgesehen von „We’re Looking For The Whales“, das mit seiner schönen Zeile „restlessness is in our genes / time won’t wear it off“ die Unbändigkeit feierte. Das Cover mit seinen surrealen Farben und Hügeln entstand nicht auf einem klischeehaften „Fjord in Norwegen“, sondern auf dem Haleakalā, einem Vulkan auf Hawaii. Weiter entfernt als von Hawaii hätte diese traurige Musik nicht klingen können. Aber noch immer galten A-ha als Teenie-Band.

East of the Sun, West of the Moon (1990)

Morten kleidete sich als John-Dunbar-Indianer, probierte sich als Kulturassimilant, Mags wiederum wurde wieder zu Magne, ging vom Englischen also zum norwegischen Geburtsnamen zurück, trug  Vollbart und spielte Keyboard nur noch im Sitzen, weil seriöser. Nach dem Misserfolg des „Stay On These Roads“-Albums schickten A-ha mit „Crying in the Rain“ erstmals die Coverversion eines berühmten Originals ins Rennen; der Hit der Everly Brothers wurde im Kinojahr von „Ghost“ oft mit „Unchained Melody“ der Righteous Brothers verwechselt.

A-ha wollten klingen wie Robbie Robertson. Um ein Live-Feeling herzustellen, streuten sie allerhand Kommandos und „Okays“ in die Songs ein, die auf der Platte erhalten geblieben sind und Improvisationen dokumentieren sollen. Der Blues von „Sycamore Leaves“ würde David Lynch inspirieren, der Regisseur wollte das mysteriöse Lied  („Out there by the roadside something‘s buried / Under sycamore leaves“) in „Twin Peaks“ verwenden – hat leider nicht geklappt, aber zumindest die Textzeile soll es in die Serie geschafft haben.

Lohnend

Stay on these Roads (1988)

A-ha wollten erwachsener klingen, ohne ihre treuen Hörer abzuschrecken. Das Label dagegen forderte die Rückkehr zu niedlichen Pop-Liedern á la „Take On Me“ und wollte sie solange jung halten, wie es nur geht. A-ha probierten sich an ersten, wenn auch ungefährlichen Experimenten.

„Out Of Blue Comes Green“ war ein am Ende mit 6:40 Minuten Länge ausfransender Song, im Beatle-esken Chor-Stück „You‘ll End Up Crying“ verzichteten sie aufs Schlagzeug, „Touchy“ erhielt ein Jaques-Tati-Strandvideo, und dann ertönten die Panflöten von „There‘s Never A Forever Thing“, ihrem allerbesten Song. Die wie mit dem Mund geblasenen Windgeräusche im Titelstück sind schlecht gealtert, aber „Stay on these Roads“ bleibt ihr wichtigstes Statement. 2011, ein dreiviertel Jahr nach dem zweiten Band-Split, spielten A-ha das Friedenslied in Oslo bei der nationalen Gedenkfeier für die Verstorbenen des Terroranschlags vom 22. Juli.

Memorial Beach (1993)

Nach diesem Album war für sieben Jahre Schluss. Mit Produzent David Z. nahmen sie im Paisley Park  von Prince auf, Waaktaar spielte Funk-Gitarre wie Nile Rodgers. Auf der Studiotoilette kritzelte Magne eine Notiz auf die Pissoir-Kachel: „I was here – Prince“. In Kniehöhe, als Anspielung auf dessen geringe Körpergröße. Wie verloren sich die drei Norweger wohl in den Gängen des ehemaligen Lagerhauses gefühlt haben müssen? Harket sprach von der „dunkelsten Zeit ihrer Karriere“, aber die Americana-Single „Dark Is The Night“ sowie das schwebende „Angel In The Snow“ zeigten sie ein letztes Mal in Höchstform.

In „Locust“ besangen A-ha die weiten Flächen – ob das Tonstudio ein Panoramafenster hatte, mit Blick über Minnesota? Die Reise endete am „Memorial Beach“, dem Postkartenkitsch. Auf dem Cover zeigt Harket sich in weißer Jeans und offener schwarzer Lederjacke auf blanker Brust – Modeberatung wie von den Kaufhausgrößen Tom Tailor und Bruno Banani.

Analogue (2005)

Mit dem Comeback ab der Jahrtausendwende wurde Harket anscheinend zur Dauernutzung einer Säuselstimme verpflichtet (Waaktaar nannte ihn gar „Kastratensänger“), aber auf diesem Album griff er, wie auf „Don‘t Do Me Any Favours“, letztmals auf die bessere, tiefe Bowie-Tonlage zurück. „Celice“ bietet Herzrasen in „Scoundrel Days“-Tradition, und das Potential von „Minor Key Sonata“ wurde rechtzeitig erkannt – als umbenanntes, zum Titelstück gewordenes „Analogue“ gelang ihnen damit nach 17 Jahren wieder ein Top-Ten-Hit im UK. Sogar das einzige von Harket komponierte Lied, „Holy Ground“, ist gut.

Ergänzend

Minor Earth, Major Sky (2000)

Generalstabsmäßig brütete eine Produzentenschar über dem Reunion-Album. Ein High-Tech-Monster, das viele Zielgruppen erreichen sollte – ein Hit-and-Miss-Unterfangen. „Minor Earth, Major Sky“ wurde als Bluesrock geschrieben, erhielt aber einen Depeche-Mode-Rhythmus. Um seine Klasse in Erinnerung zu rufen, ­sicherte Harket sich mit „20,2 Sekunden“ einen Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde für die „in einem europäischen Top‑40-Song am längsten gehaltene Note“.

Foot of the Mountain (2009)

Letztes Album vor der zweiten Trennung. Die PR-Abteilung bezeichnete es, in bester Absicht, aber ungeschickt, als „Rückkehr in die 1980er“. Das Scooter-Döp-Döp-Gehupe von „The Bandstand“ war vielmehr rufschädigend, das delfinige „Riding The Crest“ soll angeblich von Arcade Fire und deren „Neon Bible“ beeinflusst sein. In „Foot Of The Mountain“ wieder das A-ha-Motiv des Rückzugs in die Natur: „We could stay there and never come back“. 

Cast in Steel (2015)

Ihr jüngstes Werk, bis „True North“ in diesem Herbst erscheint. Eine unausgewogene Mischung aus zauberhaften Melodien („Cast In Steel“), lohnenswert aufgepepptem Archivmaterial aus der Zeit noch vor „Hunting High and Low“ („She‘s Humming a Tune“), aber auch müde wegesungenem Schlager („Objects in The Mirror“). Die drei nahmen nicht zusammen auf, sondern schickten sich ihre Files zu. Das ist der Platte, ihrer ersten nach sechs Jahren, anzuhören.

Schwächer

Lifelines (2002)

Harket wollte sich zunehmend als Komponist einbringen, was unter Berücksichtigung aller drei Songwriter zu „Lifelines“ führte, einem mit 15 Songs aufgeblähten Schrecken. Er sagte im Interview: „Good record, but too fuckin‘ long.“ Der Europop von „Did Anyone Approach You?“ war unter ihrer Würde. Mit dem Anneli-Drecker-Duett „Turn The Lights Down“ erarbeiteten sie sich ein Image als Fernsehgarten-­Band. Die gelungenen Demos der Deluxe-Version, wie „Afternoon High“, zeigen wieder einmal, dass Haupt-Songschreiber Waaktaar sich gegenüber den Produzenten nicht durchsetzen konnte.

Film

„Live in South America“

1991 traten sie bei „Rock In Rio II“ in Brasilien auf, ein mit Prince, Guns N‘ Roses, INXS und George Michael hochkarätig besetztes Festival. Und die vermeintlichen has beens, A-ha, schockten die Branche: 198.000 Menschen kamen, um die Band im Maracana-Stadion zu sehen. Sie waren die unwahrscheinlichen Stars des Festivals, niemand zog mehr Leute an. Ein bis heute gültiger Rekord, was zahlende Zuschauer betrifft. Live waren die Norweger nie besser als zu dieser Zeit. Aber sie fühlten sich unwohl: „Die Bühne“, sagte Waaktaar, „war so breit, ich konnte Morten kaum noch sehen.“

Preziosen

Outtakes, Coverversionen, Frühfassungen

„The Killing Moon“

Im London von 1983 waren A-ha verrückt nach Echo & The Bunnymen. Für ihre „MTV Unplugged“-Aufnahme von „The Killing Moon“ holten sie 2017 Ian McCulloch auf die Bühne, der weniger textsicher war als Harket.

„Våkenatt“

Zweites Album der A-ha-Vorgängerband von Paul und Magne, Bridges. Aufgenommen 1980, erstveröffentlicht 2018. Enthält Frühassungen von „Soft Rains of April“ und „Scoundrel Days“. 

„#9 Dream“

In der Bridge des Originals singt John Lennon viermal „hear“. Harket posiert, weil er bei diesem A-ha-Cover mit jedem „hear“ noch höher, bis ins Falsett geht.

„You‘re So White“

Von allen Reissues vernachlässigtes, also unveröffentlichtes Frühwerk von 1984, zu hören auf YouTube.

„a-ha Days Night“

LP-Bootleg ihrer ersten Tournee, aufgenommen im Dezember 1986 im Londoner Hammersmith Odeon. Magne, dem auf der Bühne die Rolle des Faxenmachers zukommt, wird im Laufe des Konzerts immer stiller. Reden war schließlich sinnlos – das Geschrei der weiblichen Fans erreichte Beatlemania-Level. 

„NRK Studios Oslo 1991“

Sieben Songs der „East Of The Sun …“-Ära, live aufgenommen in Norwegens größtem Studio. A-ha waren dort eine grandiose, auf sechs Mann aufgestockte Band. Hätte gut als eigenes Album erscheinen können. 

„Trees Will Not Grow On Sand“

Gemeinplatztitel, gedacht als eine durch Schicksalsschläge erlernte Lebensweisheit von Menschen, die ihre Geschichten auf einer Veranda zum Besten geben. Zum Totlachen der todernste Einsatz des Norwegers Magne mit einer Amerika-Whiskey-Stimme: „Alrrrright“. 

„Shapes That Go Together“

In Vergessenheit geratene, letzte Single vor ihrer ersten Trennung 1994. Offizielle Hymne der Paralympics in Lillehammer. 

„A Question of Lust“

Solide Version des Depeche-Mode-Klassikers, 2009 für BBC 2.

„Wind of Change“

Bei ihrer „Live in Athens“-Einspielung bieten die Scorpions Harket einen Show-Auftritt, wie er seit dem Duett von George Michael und Elton John bei „Don‘t Let The Sun Go Down On Me“ von 1992 nicht mehr zu sehen war. Harket wird zwar nicht angesagt, schlendert jedoch von links auf die Bühne und singt einfach mit. Nur das Pfeifen, das lässt Meine sich nicht stehlen.