Eine Welt ohne Hoffnung: David Finchers „Sieben“

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Eine Welt ohne Hoffnung: David Finchers „Sieben“

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Eine der lustigsten Hollywood-Anekdoten der letzten 20 Jahre stammt von „Sieben“-Regisseur David Fincher. Wer den Film aber noch nicht gesehen haben sollte, der liest besser nicht weiter. Diese Geschichte dreht sich um das schockierende Ende des Thrillers.

Immer wieder, erzählt Fincher, wurde er auf Partys auf den Schluss seines Films angesprochen: Wie er es denn hätte wagen können, den Kopf von Gwyneth Paltrow zu zeigen, blutig, abgetrennt vom Körper, verstaut in einem Pappkarton. Das sei einfach zu viel gewesen. „Ich konnte die Leute gar nicht mehr beruhigen“, erzählt der Regisseur.

Der Protest sagt viel über die Kraft der Einbildung aus, denn Paltrows abgeschnittener Kopf ist in keiner Einstellung zu sehen, nur das entsetzte Gesicht von Hauptdarsteller Morgan Freeman, als er in den Karton blickt. Die Zuschauer aber haben weiter gedacht und seitdem ein Bild von der Enthauptung vor Augen.

Jeder im Kino stand senkrecht im Sessel

Bis heute wird das Ende von „Sieben“ in vielen Rankings als eines der überraschendsten und erschreckendsten überhaupt bezeichnet. Natürlich auch, weil es im Gegensatz steht zur expliziten Darstellung von Gewalt, die den Film bis dahin geprägt hatte. Ein Serienmörder richtet seine Opfer nach den sieben Todsünden der Bibel hin, Hochmut, Habgier, Neid, Zorn, Wollust, Völlerei und Trägheit. Die Polizisten David Mills (Brad Pitt) und William R. Somerset (Freeman) stoßen etwa auf die Leiche eines betrügerischen Anwalts, der gezwungen wurde, seine Körperteile abzuschneiden, „Todsünde“: Habgier. Am beeindruckendsten ist wohl die Szene, die der „Todsünde“ Trägheit zugrunde liegt. Ein ans Bett gefesselter, bis zum Skelett abgemagerter Mann macht just dann einen lauten Atemzug, als sich die Polizisten über den vermeintlich Toten beugen. Ein echter Jump Scare, jeder im Kino stand damals senkrecht im Sessel. Diese Leiche lebt noch?!

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Brad Pitt (li.) mit Morgan Freeman

Und dann also das Ende mit dem Kopf im Karton. Ein grandioses Finale, als hätte Regisseur Fincher sagen wollen: Blut habt ihr genug gesehen, jetzt strengt eure Fantasie an. Dass nun auch die schwangere Tracy sterben würde, die von Gwyneth Paltrow gespielte Ehefrau von Mills, hatte keiner auf dem Schirm. Sie war eine engelsgleiche Figur, der einzige Mensch ohne bösen Schatten in einer fast nur im Dunkeln und im Regen gefilmten anonymen amerikanischen Großstadt. Tracys Auftritte spielten sich, unfreiwillig chauvinistisch in Szene gesetzt, nicht in der gefährlichen Außenwelt ab, sondern meist in ihrer Wohnküche.

Schon nach Erscheinen 1995 als Neo-Noir-Meisterwerk gefeiert, war „Sieben“ vor allem ein typischer Thriller der Neunziger. Schnelle Schnitte, harte Auf- und Abblenden. Die Hinrichtungen sehen dabei fast aus wie makabre Kunstwerke in tausenden Farben. Eine ähnliche Gothic-Ästhetik hatte zur selben Zeit auch David Bowie für die Videos seines Industrial-Albums „1. Outside“ verwendet, und dessen Single „The Hearts Filty Lesson“ bildete auch die – im Filmkontext prophetisch anmutende – Untermalung des Abspanns. Manche Ideen von „Sieben“ sind heute fester Bestandteil des Action-Kinos. Hier leuchten Polizisten erstmals mit ihren langen Stabtaschenlampen von oben herab, als bewegten sie Skistöcke beim Langlauf. Fast erwartet man, dass Polizist Pitt seine Automatikpistole im waagerechtem Griff hält. Aber das tun zum Glück nur die Gangster in den schlechten Streifen. „Sieben“ umschifft das Klischee dann eben doch.

Kevin Spacey, der Star der 1990er-Jahre

Vom Erfolg des Films haben alle Protagonisten profitiert. Für Brad Pitt markierte die Rolle des hitzköpfigen Mills den Durchbruch, erstmals stand nicht sein hübsches (wie zuvor in „Interview mit einem Vampir“ und „Legenden der Leidenschaft“) oder betont auf nachlässig getrimmtes Äußeres („Kalifornia“) im Mittelpunkt. Er ist ein Polizist, der am Ende die Nerven verliert und damit dem Serienmörder seinen Triumph sichert. Pitt versuchte in „Sieben“ ausnahmsweise nicht klüger zu sein als die Figur, die er interpretiert.

Morgan Freeman als Cop, der kurz vor der Rente diesen einen letzten Fall noch annimmt, hat auch in „Sieben“ die Rolle des weisen Gefährten inne. Mit der wurde er neben Jessica Tandy in „Driving Miss Daisy“ (1990) berühmt, neben Kevin Costner in „Robin Hood – König der Diebe “ (1991) und an der Seite von Tim Robbins in „The Shawshank Redemption“ (1994). Auch in „Sieben“ hört man ihn als Erzähler aus dem Off, zum Schluss zitiert er Hemingway. Wer heute im amerikanischen Fernsehen eine Naturdoku ansieht, stößt immer wieder auf Freeman als Sprecher. Zuletzt engagierte ihn Steven Spielberg für seinen „Krieg der Welten“ 2005, darin erklärte er dem Zuschauer, wie die Außerirdischen auf dem Planeten Erde sprichwörtlich eingehen, weil sie nie an unserer Evolution teilgenommen haben und ihnen die Abwehrkräfte gegen unsere Bakterien fehlen.

Zwei andere Darsteller wurden mit ihren „Sieben“-Rollen überhaupt erst bekannt. Gwyneth Paltrow, die drei Jahre später für „Shakespeare In Love“ mit dem Oscar als „beste weibliche Hauptdarstellerin“ ausgezeichnet werden sollte. Und natürlich Kevin Spacey, der den Serienmörder John Doe verkörpert. Sein Name tauchte in den Credits zu Filmbeginn nicht auf, allerdings war er 1995 auch noch nicht populär genug um mit seinem plötzlichen Auftritt zu überraschen. Wie ideal Spacey besetzt ist, zeigt sich in seiner ersten Szene. 20 Minuten vor Ende des Films liefert er sich den Polizisten freiwillig aus, und er ist kein Berserker, sondern wirklich ganz ein „John Doe“, ein Jedermann, mit einem unauffälligen, dazu kindlich glatten und geradezu regungslosen Gesicht.

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Kevin Spacey als „John Doe“

Nach Anthony Hopkins, der im Alter von 54 Jahren mit „Das Schweigen der Lämmer“ (1991) seinen Hollywood-Durchbruch feierte, wurde Kevin Spacey, damals 36, so der wohl prägendste Schauspieler der 1990er-Jahre. Gerade als Bösewichter, Hopkins etwa als Hannibal Lecter, wurden beide dank ihres reduzierten Spiels Vorbilder. Ein Jahr nach „Sieben“ würde Spacey dann seinen ersten Oscar bekommen, allerdings für die Nebenrolle als Verbal in Bryan Singers „Die üblichen Verdächtigen“.

David Finchers Rettung

Nicht zuletzt wurde „Sieben“ zum Erfolg für David Fincher, der Film rettete ihm wohl seine Karriere. Als Musikvideo-Regisseur für aufwendig dekorierte Werke von Madonna („Vogue“) und Michael Jackson („Who Is It“) machte er Anfang der Neunziger von sich reden. Sein erster Kinofilm, „Alien 3“ geriet 1993 jedoch gleich zum Fiasko. Fincher präsentierte keine neuen Facetten des wohl berühmtesten Leinwand-Monsters, und das Werk floppte zu Recht an den Kassen. Früh als Stilist ohne inhaltliche Ideen kritisiert, soll der damals 30-Jährige Fincher den Job vor allem aufgrund eines einzigen Vorschlags erhalten haben – er wollte die ikonische „Alien“-Heldin Ellen Ripley (Sigourney Weaver) erstmals mit kahl rasiertem Schädel zeigen. In „Sieben“ vereinte Fincher dann seine Ästhetik mit einer überzeugenden Geschichte. Im Verlauf seiner weiteren Karriere sollte der Regisseur manche Schauspieler gar zu ihren besten Darstellungen anspornen, etwa Edward Norton in „Fight Club“ (1999) oder Mark Ruffalo und Jake Gyllenhaal in „Zodiac“ (2007).

„Sieben“ wird mit einem Zitat beendet, Morgan Freeman sagt aus dem Off: ‚Ernest Hemingway hat mal geschrieben: Die Welt ist so schön und wert, dass man um sie kämpft. Dem zweiten Teil stimme ich zu.'“ Auf die Einfügung dieser optimistischen Schlussworte hatten die Produzenten von „New Line Cinema“ bestanden. Freeman und Fincher waren auf die Forderung missmutig eingegangen.

Das Zitat wirkt, die beiden schienen es geahnt zu haben, in diesem Werk befremdlich.

Weil es in der Welt von „Sieben“ keine Hoffnung gibt.

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