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Neunte Kunst

„MAD“-Zeichner Don Martin: Virtuose des Absurden


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Gladink Bzzzt Klawak Sproink Fwak Kazik!“ Wir wissen nicht, wie die Milch dann schmeckte. Aber das Geräusch, mit dem sie aus dem Frischmilchautomaten sprudelte und schäumte, schallt bis heute wie Sphärenmusik.

„Fabadap!“ So klang hingegen das Euter der Kuh, wenn es sich nach dem Vorgang des Gemelktwerdens wieder in seine Ausgangsform brachte. „Sputz-Spitza Chukkunk-Clunk“ stöhnte wiederum der Personenkraftwagen, wenn die letzten Tropfen Benzin aus dem Tank gesogen waren.

Grandioser Witze- und Geräuscherfinder

All diese Geräusche hat Don Martin erlauscht und in seinem charakteristischen Notationsverfahren festgehalten. Man sagt nicht zu viel, wenn man sagt, dass er einer der größten Wort-, Bild- und Witzerfinder des vorigen Jahrhunderts gewesen ist; von 1957 bis 1988 bereicherte Don Martin das Magazin „MAD“ und den Rest der Welt mit seinen Comic-Strips.

Alltägliche Situationen wurden von ihm in lakonischer Weise geschildert: „Neulich an der Kreuzung“, „Unlängst in der Großstadt“, „Letzten Mittwoch in der Legebatterie“; meist ging es darum, dass durch eine Verkettung von Zufällen irgendetwas auf irgendwen fiel, Extremitäten sich dehnten, Dinge in dramatischer Weise ihre Gestalt veränderten oder zum Beispiel die gerade gemolkene Kuh bemerkte, dass ihre Euterzitzen von einer boxenden Ameise als Trainingssack gebraucht wurden: „Fidip fidip“.

Don Martin war ein begnadeter, charismatischer Zeichner. Seine Figuren hatten überdimensionierte Kinne, gut proportionierte Knollennasen und Frisuren, die einen wahlweise an konisch sich verjüngende Nockenwellen oder verkrüppelte Tannenbäume erinnern konnten; die Männer sahen meist wie eine Mischung aus Rainer Brüderle und Richard Nixon aus. Und je stärker das Chaos wurde, das er in seinen kurzen Geschichten entfachte, desto kunstvoller überflutete er seinen Bildraum mit Lebewesen, Gegenständen und komischen Wörtern.

Seine Karriere hatte er unter anderem als Gestalter von Schallplattencovern begonnen, zum Beispiel für Miles Davis‚ „Miles Davis and Horns“ (1953). Als Martin zu „MAD“ stieß, war das Magazin gerade fünf Jahre alt. Der EC-Verlag, in dem es erschien, hatte sich ursprünglich auf Science-Fiction-, Crime-, Krieg- und Horror-Comics spezialisiert („Weird Science“, „Tales From The Crypt“, „Frontline Combat“). Doch wurden fast all diese Serien Mitte der 50er-Jahre eingestellt: Nach der Kampagne des Psychologen Fredric Wertham gegen die jugendverrohenden Comics verpflichteten die Verlage sich „freiwillig“ darauf, auf kontroverse Themen, Gewalt und Horror zu verzichten.

Nur „MAD“ konnte weitermachen – weil es den täglichen Horror der Kleinbürgerwelt in komischer Form zeige. „Im Haushalt meiner Eltern“, hat sich der Comiczeichner Bill Griffith („Zippy the Pinhead“) später erinnert, „gab es damals zwei Dinge, die absolut verboten waren: Elvis Presley und, MAD‘.“ Art Spiegelman („MAUS“) wiederum hat in seiner Autobiografie „Breakdowns“ den Moment seiner künstlerischen und sexuellen Erweckung präzise datiert: Es war, als er an der Hand seiner Mutter im Supermarkt ein „MAD“-Heft entdeckte – auf dem Cover prangte die Mona Lisa in Form eines furunkelübersäten Pferdekopfs.


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Meister der Parodie

In der Frühzeit des Magazins wurde es denn auch vor allem durch seine Parodien bekannt, Mickey Mouse betrat als zwielichtiger „Mickey Rodent“ die Bühne, Superman als steroidüberzüchteter „Super-Duper-Man“. Auch Don Martin brillierte in diesem Fach: Nachdem Spider-Man Anfang der Sechziger zum erfolgreichsten Superhelden aufgestiegen war, zeigte er unzählige Male, was beim Verschießen eines Spinnennetzes alles schiefgehen kann.

Unvergessen sind auch seine intimen Einblicke in den Alltag von Wonder Woman: „Snap Ploobadoof“ erklang das Eisenkorsett, wenn sie nach einem anstrengenden Arbeitstag endlich die Scharniere löste. Doch sein eigentliches Talent lag im reinen, selbstreflexiven Humor, in der gelegentlich geradezu surrealen Übersteigerung aller Techniken und Verfahren, die man sonst bei der Witzproduktion verwendet.

Das kann man auch noch einmal in den Don-Martin-Bänden studieren, die beim Panini-Verlag in der Reihe „MADs große Meister“ erschienen sind. Gerade der erste Band zeigt, wie sich aus dem anfangs noch grob gestrickten Gagbastler ein Absurditätsvirtuose entwickelt.

Grandios ist vor allem, wie Martin die Logik des Witzeerzählens umdreht: Nicht die Pointe ist der Witz, sondern wie sie erzwungen wird. Damit ein Mann von einer Dampfwalze niedergewalzt werden kann, muss er sich bei Don Martin zunächst in einen unter der Straße gelegenen Frisiersalon begeben. Dort wird er auf einen hydraulischen Sessel gesetzt, der im Verlauf einer unglücklichen Verkettung von Umständen bei Beginn des Haarschneidevorgangs zunächst entfesselt und alsdann mit dem noch unfrisierten Kunden durch die Gewölbedecke geschossen wird; weil die Gewölbedecke aber direkt unter der Straßendecke liegt, kann der aus dieser nun herausragende Kopf von der zufällig sich in diesem Moment darüber hinweg walzenden Walze sauber geplättet und eingeteert werden: „Klunka-chunka klunka-chunka“.

Ein Artikel aus dem RS-Archiv


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