Neu! „50!“ – Die Kraft kosmischer Klänge


Grönland (VÖ: 23.9.)


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Im Mai 1971 spielten sie vor den Kameras des „Beat-Club“ das kosmische „Rückstoß Gondoliere“: Michael Rother, Klaus Dinger und Florian Schneider- Esleben, zu diesem Zeitpunkt die offizielle Besetzung von Kraftwerk. Doch die Affäre währte nur einen Sommer. Schon wenige Monate später produzierten Dinger und Rother zusammen mit Conny Plank in Hamburg das Debütalbum von Neu! – bis heute ein Großwerk der experimentellen Rockmusik. Stücke wie „Hallogallo“ und „Negativland“ inspirierten seitdem unzählige Musiker, von David Bowie bis Stereolab. Rothers sphärisches Gitarrenspiel und der minimalistische Beat, den Dinger ins Schlagzeug drosch, bildeten eine kontrastreiche Einheit. „Motorik“ nannten das Musikjournalisten später – ein Begriff, den die Musiker selbst aber nie verwendeten. „Im Glück“ ist ein gelungenes Beispiel für Ambient Music vor Eno. Bemerkenswert ist auch das Pop-Art-Design, das sich auf den folgenden Alben mit nur minimalen Änderungen wiederholt.

Mit „Neu! 2“ wollten Dinger und Rother an den beachtlichen Erfolg des Vorgängers anknüpfen. „Für immer“ rollt schwerelos weiter in die vom Debüt
definierte Zukunft des Rock. Das überraschend heftige „Lila Engel“ ist ein wilder Tanz, der seinerzeit unter Freund:innen harter Drogen angeblich sehr beliebt war. Doch die zweite Seite des Albums empfanden viele Kritiker als Zumutung. Es war halt tatsächlich so, wie es die Musiker aufs Cover schrieben: „‚Neuschnee‘ und ‚Super‘ sind Titel einer Single, die wir im Oktober 1972 veröffentlicht haben. Mit Ausnahme von ‚Cassetto‘ sind alle Titel dieser LP-Seite Variationen der Single. Nebengeräusche, Kratzer usw. sind beabsichtigt.“ Neu! war mitten in der Produktion das Geld ausgegangen. In ihrer Not griffen sie zur damals in Europa noch unüblichen Remix-Technik, die sich hier aber zu oft im Spiel mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten erschöpft.

„Der eine sagte: Ja. Der andere: Nein“

„Neu! ’75“ ist das geradlinigste und kraftvollste Album des Duos, es zeigt aber auch, wie sehr sich Rother und Dinger inzwischen voneinander entfernt hatten. Mit ruhigen Stücken wie „Isi“ und „Seeland“ trägt die erste Seite ganz Rothers melodisch schwebende Handschrift und erinnert so an Harmonia, das gemeinsame Projekt mit Roedelius und Moebius, bei dem gelegentlich auch Brian Eno vorbeischaute. Die zweite Seite des Albums wird dominiert von Klaus Dingers Protopunk, der vom Schlagzeuger Hans Lampe und Bruder Thomas Dinger wuchtig unterstützt wird. Mit diesen beiden Musikern machte Dinger danach als La Düsseldorf weiter, während Rother mit Conny Plank und Jaki Liebezeit ein paar exzellente Soloalben einspielte.

Mitte der Achtziger gingen die beiden Musiker noch ein letztes Mal zusammen ins Studio – leider ohne den ausgleichenden Conny Plank. „So waren wir immer konfrontiert. Der eine sagte: Ja. Der andere: Nein“, erinnert sich Rother viele Jahre später. Und natürlich gab es Streit, die Bänder wurden aufgeteilt und versiegelt. Doch Dinger hielt sich nicht an die Absprachen und verkaufte seinen Teil der Aufnahmen an das japanische Label Captain Trip, das die halb fertigen Tracks als „Neu! 4“ veröffentlichte. Erst 2010, nach Dingers Tod, erschien auf Grönland eine von Rother komplett überarbeitete offizielle Version des Albums, „Neu! ’86“, die mit den Klassikern leider nicht mithalten kann. Ebenfalls im „50!“-Boxset von Grönland enthalten ist ein Doppelalbum mit Coverversionen und Remixen. Mogwai, Idles, Yann Tiersen und sieben weitere Bands und Künstler geben sich redliche Mühe. Die eigenwillige Großartigkeit der Originale erreichen sie jedoch nicht.


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