Peter Doherty Hamburg Demonstrations



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Woody Guthrie erklärte in den 40er-Jahren seine Gitarre zur Waffe. „This Machine Kills Fascists“ stand auf seiner Gibson J‑45. Und ein Dreivierteljahrhundert später schrammelt sich eine solche Akustikgitarre zwar im Zweivierteltakt durch ­eine Schunkelnummer, das Honkytonk-Klavier klimpert, die ­Slide schnörkelt, und der Sänger torkelt. Doch dann macht auch dieser Ernst: „Come on, boys, choose your weapons: J‑45 or AK‑47?“

Am Tag des Anschlags auf das Bataclan war Pete Doherty in Paris. Der Song „Hell To Pay At The Gates Of Heaven“ ist seine sarkastische Replik. Der Mann, der in den letzten Jahren stets auf der Durchreise war, hat aber auch ein paar Monate in Hamburg gelebt, dort deutsche Vokabeln aufgeschnappt („gerade ’raus“, „Nacht des ersten Lichts“) und von den Hunderten Songideen, die er auf einem Laptop mit sich herumschleppt, ein paar für sein zweites Soloalbum ausgesucht und aufgenommen. Einige, wie das zartbittere Liebeslied „She Is Far“, hat der nun 37-Jährige schon als Teenager geschrieben, andere, wie der Bataclan-Song, sind neu.

„oh là là“? On y va!“

Mit „Hamburg Demonstrations“ entsteht so eine zerknautschte, mit kaputter Grandezza vorgetragene Collage, ein herrliches Durcheinander, das den rumpelnden Britpunk der Libertines oder der Babyshambles durch scheppernden Folk ersetzt, in dessen Herzen Dohertys Gibson J‑45 die Akkorde anschlägt – ein empfindliches, intimes, verwackeltes Meisterwerk, das die Kunst des Fragments vorführt.

In dieser burlesken Nummernrevue sind Dohertys lebensgefährliche Leidenschaften weiterhin seine Lieblingsthemen. Wenn er nicht gerade in verschrobenen Lovesongs wie „The Whole World Is Our Playground“ oder „I Don’t Love Any­one (But You’re Not Just Anyone)“ den Crooner mimt oder in „Birdcage“ einen knuffig-souligen Popsong versteckt, inszeniert er sich in der sensationell verkorksten Suite „A Spy In The House Of Love“ als Absturzartist („Found myself in the Monday news“), bekennt er sich in „Down For The Outing“ schuldig, reimt er in „Oily Boker“ „On y va!“ auf „oh là là“, fleht er, nicht einfach so zu verschwinden wie diese Nebenfigur aus Graham Greenes „Brighton Rock“, die das erste Kapitel nicht überlebt („Kolly Kibber“), oder so zu enden wie Amy Winehouse: ­Seine unsagbar traurig-zittrige Zeitlupenballade „Flags From The Old Regime“ ist nicht nur ein ergreifendes Stück Trauerarbeit, sondern erzählt auch davon, wie es sich anfühlt, wenn man am Erfolg zerbricht: „Let’s get it right, we all know the score“, nuschelt Peter Doherty, bevor der letzte Akkord auf seiner J-45 verklingt. (Clouds Hill)


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