Porridge Radio „Waterslide, Diving Board, Ladder To The Sky“


Secretly Canadian/Cargo (VÖ: 20.5.)


von

Als im Frühjahr 2020 „Every Bad“ erschien, war die Euphorie beim britischen Hype-Organ „NME“ (und beim ROLLING STONE) berechtigt. Das Album der Band aus Brighton, die schon einiges im DIY-Modus veröffentlicht hatte, gehört zum Interessantesten, was die Musiklandschaft der Insel derzeit zu bieten hat. Doch es spülte den kreiselnden Punk-Pop des Quartetts um Sängerin und Songschreiberin Dana Margolin auch in Gefilde, an die sich Menschen mit Indie-Rock-Sozialisierung erst gewöhnen müssen.

Wie Apfelkuchen und Antidepressiva

„Waterslide, Diving Board, Ladder To The Sky“ verwandelt die Angst, einer breiteren Öffentlichkeit gegenüberzustehen, in einen kreativen Mahlstrom. Margolins Statement, die Songs sollten „stadium-epic like Coldplay“ klingen, ist natürlich Koketterie. Das Resultat klingt eher stadium-epic like Arcade Fire. Oder stadium-epic like Bright Eyes, wenn Conor Oberst je in die Nähe eines Stadions kommen würde. „Back To The Radio“ schwingt sich zu einem verstörend fröhlichen Klagegesang auf.

Porridge Radio wirken in überschwänglichen Momenten wie eine Selbsthilfegruppe von Suizidgefährdeten, die allen Frust herausschreien und danach ein Kinderlied anstimmen. Sie sind wie Apfelkuchen und Antidepressiva: Man weiß nie genau, was man bekommt und ob sich das eine mit dem anderen verträgt. „Trying“ und „Birthday Party“ lachen der Orientierungslosigkeit in die hässliche Fratze, stemmen sich mit hymnischen Harmonien und Jahrmarktsorgel gegen den freien Fall in die Paranoia.

Die Art, wie Margolin noch die trübsten Emotionen in melodieverliebte Songs ummünzt, erinnert an The Cure. „End Of Last Year“ beschwört die anmutige Zerrissenheit von Marianne Faithfull herauf. Überhaupt sind es die Balladen, die einem den Atem rauben, allen voran das todtraurige „Flowers“. Und trotzdem enthält diese Platte keinen Ton Selbstmitleid. Vielleicht weil Porridge Radio, egal durch welche Krise sie gerade schlingern, nie die Freude am Leben verlieren.


ÄHNLICHE KRITIKEN

Superchunk :: „Wild Loneliness“

Energetischer Indie-Rock aus dem Homeoffice

Spoon :: „Lucifer On The Sofa“

Spoon beschwören den Geist des Rock’n’Roll

alt-J :: „The Dream“

Neue amerikanische Träume des britischen Trios


ÄHNLICHE ARTIKEL

Bruce Springsteen: Überraschungsgast bei Coldplay-Konzert

Der „Boss“ und Coldplay spielten zwei Songs gemeinsam: „Working on a Dream“ und „Dancing in The Dark“. Chris Martin nannte Springsteen zuvor bei dem Gig in New Jersey seinen Helden.

Bright Eyes veröffentlichen neue Versionen von alten Songs

Die Band rund um Sänger und Songwriter Connor Oberst hat dafür gemeinsam mit Phoebe Bridgers, Waxahatchee und M.Ward gearbeitet. Auf drei neuen EPs werden alte Hits neu vertont.

„Nützliche Idioten“: Sind Coldplay in die Greenwashing-Falle getappt?

Chris Martin und Co. haben den finnischen Ölkonzern Neste engagiert, um die eigenen Treibhausgasemissionen auf Konzert-Reise zu halbieren. Dabei haben sie möglicherweise zu kurz geschaut.