Sid Vicious: Der mysteriöse Tod des Sex-Pistols-Bassisten


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Am 1. Februar 1979 wachte Sid Vicious im Rikers Island Detention Center in New York City auf, in dem er wegen Mordverdachts einsaß. Die Tage, die bis zu diesem Zeitpunkt hinter ihm lagen, waren ein wahrer Albtraum gewesen. Die Staatsanwaltschaft warf ihm vor, seine Freundin Nancy Spungen ermordet zu haben, doch Sid erinnerte sich nicht an die Tat. Zum angeblichen Tatzeitpunkt war er vollkommen high und nicht mehr im Besitz seiner geistigen Fähigkeiten. Das Einzige, an das er sich erinnern konnte, war Nancys Leiche, die er nach dem Aufwachen fand. Der Gedanke, dass er der Täter sein könnte, terrorisierte ihn unentwegt. Zusätzlich durchlitt er in der Haft einen kalten Entzug als ausgemachter Heroin-Junkie. Doch damit nicht genug. Sämtliche Horror-Klischees des Gefängnislebens wurden für ihn zur Realität. Vergewaltigung, Prügel und jegliche Art der psychischen Misshandlung.

Bei Tagesanbruch holte man Sid aus seiner Zelle. Er hoffte inständig, das Gefängnis noch am selben Tag verlassen zu können. Seine Anwälte verfolgten den Plan, ihren Mandanten auf Kation frei zu bekommen, wofür mittags eine Anhörung angesetzt wurde. „Ich hatte es mit einem 21-jährigen Kind zu tun. Aus dem Vereinigten Königreich in die USA versetzt und mit einem großen Problem“, erinnerte sich Sid Vicious Anwalt James Merberg. Als Sid Vicious Rikers Island tatsächlich verlassen durfte, hatte er nur noch wenige Stunden zu leben.

Sid Vicious

Punk in England

Drei Jahre zuvor, im Sommer 1976, überrollte die Punk-Welle Sids Heimat England. Unzählige junge Menschen waren fasziniert von dem, was als einzigartige Musik- und Modeentwicklung die gegebenen Umstände komplett auf den Kopf stellte. Der neunzehnjährige Sid Vicious, damals noch unter seinem bürgerlichen Namen John Simon Ritchie auf den Straßen Londons unterwegs, war einer von ihnen. Eine Freundin, Simone Stenfors, sah in jenen Tagen jedoch zunächst etwas Anderes in ihm: „Er sah eher aus wie James Dean. Zurückgegelte Haare und so weiter. Sid hatte diese kindliche Schüchterner-Kleiner-Junge-Qualität an sich.“ Dem äußerlichen Anschein zum Trotz konnte sich Sid Vicious nicht von der damals allgegenwärtigen Punk-Bewegung lösen.

Immer öfter suchte er Kontakt zu Gleichgesinnten und steuerte ihre üblichen Treffpunkte an. Der unangefochtene Hotspot dafür war „SEX“, eine Boutique von Malcom McLaren, gleichzeitig Manager der Sex Pistols, und Vivienne Westwood auf der King’s Road. Von überall her kamen McLarens und Westwoods Jünger, um mit eigenen Augen zu sehen, wie sie die modische Erscheinung der Szene gestalteten. Es war ein Ort, an dem Magisches gesehen konnte, wenn man nur lang genug dort herumlungerte. Ein Ort für außergewöhnliche Gestalten mit außergewöhnlichen Habitus. Außerdem steigerte sich dadurch die Wahrscheinlichkeit, dass man ein paar der Kleidungsstücke mitgehen lassen konnte, wenn die Verkäufer einmal nicht hinsahen.

Die Punk-Bewegung rollte über die 1970er-Jahre

Von Anfang an dabei

Sid Vicious war darauf bedacht, sich nah am Epizentrum der Szene zu bewegen, sowohl geographisch als auch personell. John Lydon kannte er bereits seit 1973, als sie gemeinsam in diversen leerstehenden Häusern rumlungerten. Sid suchte seine Nähe und die seiner Freunde, insbesondere dann, als Lydons Band an Bekanntheit gewann. Jedes Mal, wenn die Sex Pistols in irgendeinem Club oder Pub in London spielten, tauchte der große und hagere Junge auf. Er wollte sich keine Gelegenheit entgehen lassen, seine Zugehörigkeit zu demonstrieren. Die Sex Pistols und ihr Umfeld gaben ihm schließlich den Spitznamen Vicious. John Lydon nannte man Johnny Rotten wegen seiner schlechten Zähne. Sids Spitzname hatte dagegen nichts mit seinem Aussehen zu tun, auch sicher nicht mit seinem in Wahrheit schüchternen, aber herzlichen Charakter. Lydons Hamster trug den Namen Vicious, den er sich fortan mit Sid teilen musste. Sid versuchte sein ganzes darauf folgendes Leben, dem Titel gerecht zu werden.

Als am 1. Februar 1979 nur noch zwanzig Stunden dieses Lebens übrig waren, wurde er von Rikers Island vor den Untersuchungsrichter in New York geführt. Sids Anwälte wollten argumentieren, dass er unschuldig war und seine Freundin Nancy von einem Dealer ermordet wurde, der es auf ihr Geld abgesehen hatte. Der Plan ging auf und Sid konnte das Gefängnis verlassen, jedoch nur gegen 50.000 Dollar Kaution. Malcom McLaren zögerte keine Sekunde. Auch Sids Anwälte machten sich umgehend daran, einen Plan für die finale Verteidigung ihres berühmten Mandanten vorzubereiten, zu der es jedoch niemals kommen sollte.

Sid Vicious war der größte Fan der Sex Pistols

Aufmerksamkeit

Als Sid bei den Shows der Sex Pistols noch vor anstatt auf der Bühne stand, machte er bereits vermehrt auf sich aufmerksam. So zahlte ein Journalist, der eines der Konzerte mit wenig schmeichelhaften Zeilen quittiert hatte, den Preis für seine Kritik mit einem Fahrradschloss in seinem Gesicht. Sid Vicious war kein Fan der Sex Pistols, er war von ihnen besessen. Nicht selten fing er aus dem Nichts Schlägereien an, um zu beweisen, dass er es mit der Punk-Attitüde ernst meinte. Schließlich wurde wahr, wovon er lange geträumt hatte. Im Februar 1977 verließ Glen Matlock die Sex Pistols nach andauernden Streitigkeiten mit Johnny Rotten. Malcom McLaren besetzte die Rolle des Bassisten kurzerhand mit dem größten Fan der Band, Sid Vicious, obwohl dieser kaum zwei Töne hintereinander auf dem Instrument spielen konnte. McLaren war sich seiner Sache sicher:

„Es war gar keine Frage, man konnte seine Augen nicht vom ihm lassen. Er schien so viel heller als irgendjemand anders. Wann immer er die Bühne betrat, quetschte sich das Publikum zur linken Seite, weil sie so nah wie möglich bei Sid sein wollten. Sid hat manchmal die halbe Show damit verbracht, einfach mit ihnen zu sprechen.“

Kurz nach seinem Eintritt in die Band wurde Sid die Hauptattraktion der Sex Pistols. Er sog die Reaktionen der Fans auf seine Showeinlagen auf wie ein Schwann, wobei sich die Intensität zu potenzieren schien. Sich mit Glasscherben und zerschnittenen Dosen Wunden am ganzen Körper zuzufügen, war irgendwann eine gängige Maßnahme, die das Publikum von Sid während einer Show erwartete. Er fokussierte all seine Energie darauf, eine Identität als Sid Vicious zu kreieren, die wenig mit der des John Simon Ritchie gemein hatte.


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Alleine

Sid trat nach seiner Freilassung in New York aus dem Gerichtsgebäude und traf dort auf seine Mutter Anne Beverley. Sie empfing ihn gemeinsam mit einem alten Freund namens Peter Kodick. Malcom McLaren, der für seine Kaution aufgekommen war, befand sich in London, wo er von Johnny Rotten darauf verklagt wurde, die Sex Pistols ins Verderben geführt zu haben. Der ehemalige Manager der Band bereute es zutiefst, nicht in New York für Sids Sicherheit sorgen zu können. Er ging später sogar so weit zu sagen, Sid hätte lieber ein paar weitere Tage auf Rikers Islands verbracht. Nun wieder auf freiem Fuß dachte Sid jedoch nur an eines. Er war ein Junkie, im Gefängnis durch den kalten Entzug vollkommen aufgeschmissen gegenüber der Sucht, die sich tief in ihm verankert hatte.

Die Sex Pistols auf der Bühne

Auf dem Weg zum Hotel fragte er Kodick unentwegt, ob er Heroin dabei habe. Kaum etwas anderes interessierte ihn. Gegenüber den Zeitungen hatte seine Mutter zuvor noch angegeben, ihr Sohn freue sich am meisten auf ein großes Eis, sobald er wieder frei wäre. In einem bizarren Akt mütterlicher Liebe kaufte sie ihm allerdings das, wonach er sich täglich im Gefängnis gesehnt hatte. In ihrem Verhältnis war dies nicht außergewöhnlich, schließlich hatten sie bereits seit Jahren gemeinsam mit allen möglichen Drogen experimentiert. Eine Mutter-Sohn-Beziehung, die vor allem von der geteilten Sucht zusammengehalten wurde.

Kindheit

Sid wurde am 27. Mai 1957 in London geboren, worauf sein Vater die Familie bald verließ. In den darauf folgenden Jahre wurde Anne Beverley mehr zu einer Freundin als zu einer Mutter. Sie führte ein chaotisches Leben, zog von Ort zu Ort, von Wohnung zu Wohnung, und lebte üblicherweise in den Tag hinein. Mit Gelegenheitsjobs hielt sie sich über Wasser und achtete nicht darauf, ihrem Sohn Strukturen im Leben zu ermöglichen. Zwischenzeitlich zogen sie gemeinsam nach Ibiza, wo Anne einem Leben als Hippie hinterherjagte. Die ständigen Ortswechsel und die damit einhergehenden neuen Verhältnisse führten dazu, dass sich Sid in seiner Kindheit nie wirklich in einer Situation zurecht finden, geschweige denn Beziehungen zu Gleichaltrigen aufbauen konnte. Es erschwerte den Prozess seiner Selbstfindung. „Wer bin ich?“ war keine Frage, die Sid leicht beantworten konnte.

Anne Beverley

Zurück in England hörte Anne von einer Freundin, dass Heroinsüchtige vom Sozialamt bei der Wohnungsvermittlung bevorzugt wurden, um sie von der Straße zu holen. Zunächst gab sie sich lediglich als Süchtige aus, doch als sie mit Sid in eine der Sozialwohnungen einzog, war sie fortan mit tatsächlichen Junkies umgeben. Ihre eigene Sucht war nur noch Formsache. Sid war zu diesem Zeitpunkt gerade einmal sieben Jahre alt. Er war es schon früh gewohnt, von Drogen und Junkies umgeben zu sein. Andere Kinder lernten Fahrradfahren, Sid das ABC der illegalen Substanzen. Später war er unter Freunden dafür bekannt, erst nach dem Einwerfen zu fragen, welche Pillen er da gerade genommen hatte.

Risiko

Am 1. Februar 1979 wussten Sid und seine Mutter im New Yorker Hotel um das Risiko, das eine große Dosis Heroin nach einem kalten Entzug mit sich brachte. Sids Körper war die Droge nicht mehr so gewohnt wie noch zu Zeiten des täglichen Konsums. Peter Kodick erinnerte sich, dass der Stoff jedoch von extrem schlechter Qualität war, sodass er nicht die gewünschte Wirkung hervorrief. Unruhig, beinahe wütend, wandte sich Sid an Peter, der als Fotograf in der New Yorker Musikszene gut vernetzt war. Gleichbedeutend hieß dies, dass er wusste, wo man nach möglichst reinem Heroin fragen musste. Er bemühte seine Kontakte, während Sid und Anne alleine im Hotel zurückblieben. Anne hatte Peter 100 Dollar für die Drogen mitgegeben und war froh darum, ihrem Sohn seinen Wunsch erfüllen zu können. Ohne Zweifel war Anne eine wichtige Frau in Sids Leben, doch jemand anders übertraf ihre Bedeutung für ihn noch.


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Im Sommer 1977 kam Nancy Spungen als Groupie aus den USA nach England. Eines Abends zechte sie mit ihrem neuesten Ziel, den Sex Pistols, wobei sie es vor allem aus Johnny Rotten abgesehen hatte. Malcom McLaren erinnerte sich daran, wie sie mit Johnny zur einen und Sid zur anderen Seite auf dem Boden herumrollte. Zuerst habe sie versucht, Johnny zum Sex mit ihr aufzufordern, der jedoch dankend ablehnte. Darauf habe sie sich umgedreht und bei Sid erneut angesetzt. McLaren fand es bedauernswert, dass Sid in jener Nacht seine Unschuld an ein heroinsüchtiges Groupie verlor, zumal er nur zweite Wahl gewesen war. Sids Freund Steve Connolly sagte später: „Sid war sehr unreif, er war sehr unsicher. Sie war insofern ideal für ihn, weil sie ihm sagte ‚du bist der Star‘. Es ist, was du brauchst, wenn du unsicher bist.“

Von der einen Abhängigkeit in die nächste

Nancy war heroinabhängig seitdem sie vierzehn war. Für den Ex-Sex-Pistols-Bassisten Glen Matlock war es offensichtlich, dass für sie der nächste Fix immer an erster Stelle stand. Sid hatte mit seiner Mutter jahrelang Speed auf die unübliche Art der Injektion genommen. Durch Nancy ersetzte er das Amphetamin durch Heroin und nach einem Monat konsumierte er täglich. Nancy ermutigte ihn währenddessen, dass er das Richtige tat, und forcierte dabei ihren Einfluss. Sid durchbrach gewissermaßen die Abhängigkeit von seiner Mutter und setzte Nancy an ihre Stelle.


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Als Sid noch neun Stunden zu Leben hatte, nahm er mit seiner Mutter ein Taxi vom gemeinsamen Hotel zu einer Wohnung in Greenwich Village, wo Anne eine Party zur Feier seiner Freilassung organisiert hatte. Die Wohnung gehörte Michele Robinson, einer Liebschaft, mit der Sid nach Nancys Tod den Schmerz über den Verlust bekämpfte. Sid war bester Laune und unterhielt die anwesenden Freunde in der Art, die ihn für unzählige Fans so anziehend machte. Gegen Mitternacht traf auch Peter Kodick auf der Party ein, der die Atmosphäre sofort änderte. Er hatte sein Versprechen gehalten und lieferte das hochwertige Heroin, nach dem sich Sid den ganzen Tag über gesehnt hatte.

Das Ende der Sex Pistols

Ein Jahr vorher weitete sich Nancys Einfluss auf Sid so sehr aus, dass auch die Sex Pistols darunter litten. Der Drogenkonsum machte es immer schwerer, eine Show, geschweige denn eine gesamte Tour zu spielen, denn schon längst drehte sich für Sid alles vor allem um Heroin und nicht mehr um die Musik. Als Versuch, ihn vom Stoff loszureißen, schickte Malcom McLaren die Band auf Tour, denn er vermutete, dass Sid schlichtweg aus Langeweile Drogen nahm. Die Konzerte sollten ihn ablenken. Mitglieder der Crew hielten es für eine schlechte Idee und kritisierten Malcom teils heftig dafür. Der Manager selbst äußerte sich erklärend zu den Maßnahmen: „Es ist immer schwer, mit Heroinsüchtigen umzugehen, besonders dann, wenn du nicht viel Erfahrung in dieser Welt hast.“

Das letzte Konzert der Sex Pistols im Januar 1978 in San Francisco

Gleichzeitig fiel es Malcom nicht leicht, den Erwartungen an einen professionellen Manager einer erfolgreichen Band nachzukommen. Vom Umfeld der Sex Pistols wurde ihm angelastet, gut im Promoten der Kontroversen zu sein, aber darüber hinaus keine nennenswerten Qualifikationen für den Job mitzubringen. „Ich war nicht der offensichtliche Manager. Ich meine, die Plattenindustrie war von mir als Manager erschrocken, weil ich in Wahrheit schlechtes Management verehrte“, sagte er viele Jahre später einsichtig.

Nie allein

Um Sid auf der Tour bestmöglich unter Kontrolle zu halten, sollte er rund um die Uhr von Crewmitgliedern bewacht werden, sodass er nicht heimlich zum Heroin greifen konnte. Es ging sogar soweit, dass einer der Roadies eine Klotür eintrat, nur um Sid dahinter bei seinem Geschäft zu stören. Natürlich fand er trotzdem immer wieder Gelegenheiten, sich seinen Fix zu verschaffen. Sein Konsum stieg sogar, worauf Malcom McLaren beschloss, ihn von seiner Quelle zu distanzieren: Nancy Spungen. Zurück in London wollte er sie in den ersten Flug nach New York setzen. Beinahe filmreif kidnappten Malcom und ein paar Roadies der Band das unerwünschte Groupie, doch der Plan scheiterte und Nancy sprang auf dem Weg zum Flughafen aus dem Auto, in das sie gelockt worden war. Ebenso waren die Bemühungen vergebens, die Sex Pistols am Laufen zu halten. Im Januar 1978 trennte sich die Band in einem Chaos aus Streit, Drogen und Missgunst. Für Sid und Nancy bedeutete dies, dass der Weg zur Besinnungslosigkeit endgültig frei war.

Sid ritzte sich als Protest gegen die Überwachung die Worte „Gimme a fix“ in die Brust.

Auf der Party in Greenwich Village ein Jahr später bereitete Peter Kodick den langersehnten Schuss für Sid vor. Der Dealer seines Vertrauens hatte ihn gewarnt, vorsichtig mit dem Stoff umzugehen. An diesem Tag gab es eine besonders potente Lieferung. Peter gab die Warnung weiter, doch Sid hörte in Erwartung des Highs kaum noch zu. Peter beobachtete, was geschah:

„Für etwa zehn bis fünfzehn Minuten ging es ihm gut, doch dann stand er auf und erbrach sich. Er ging ins Badezimmer und erbrach sich dort erneut. Anne kümmerte es nicht weiter. Sie war etwas nervös, als Sid sich erbrach, doch sie war es gewohnt. Sie hatte ihn schon eine Million Mal dabei gesehen.“

Sid taumelte wieder zurück in das Zimmer, in dem er sich den Schuss gesetzt hatte, und fiel reglos aufs Bett. Peter folgte ihm und bemerkte, dass er blau anlief. Ein klares Zeichen für eine Überdosis.

Überdosis

Die Gäste der Party gaben Sid Flüssigkeiten und versuchten nach allen Kräften, ihn bei Bewusstsein zu halten. Im Wohnzimmer fragte unterdessen eine Freundin von Anne Beverley, ob sie ihren Sohn nicht in ein nahegelegenes Krankenhaus bringen wollten, doch sie lehnte ab. Die Presse würde für zu viel Aufruhr sorgen und Sid schließlich wieder auf Rikers Islands landen, da er wegen Drogenmissbrauchs gegen seine Auflagen verstoßen hatte. Tatsächlich entwickelte sich die Situation zunächst zum Besseren. Sids Zustand stabilisierte sich und er entschuldigte sich bei den Anwesenden, dass er sie erschreckt habe. Der Vorfall sorgte jedoch ebenfalls dafür, dass die bisher gute Stimmung des Abends endgültig kippte. Die Wohnung leerte sich.

Sid Vicious mit Nancy Spungen und Lemmy Kilmister

Nach dem Ende der Sex Pistols wurden Sid und Nancy noch unzertrennlicher als sie es ohnehin schon gewesen waren. Gemeinsam zogen sie nach New York, wo Nancy sich zur neuen Managerin ihres Freundes erklärte. Als Absteige wählten sie das Chelsea Hotel und sie verbrachten ihre Tage mit Drogen und Streifzügen durch die Punk-Clubs der Stadt. Eileen Polk, eine gemeinsame Freundin von Sid und seiner Mutter, traf das Paar kurz nach ihrer Ankunft im Revenge-Club:

„Als ich Sid und Nancy das erste Mal im Revenge traf, schienen sie glücklich zu sein. Im Verlauf der folgenden sechs Wochen konnte man sehen, dass es ihm überhaupt nicht gut ging. Ich sah sie im CBGB’s und er saß einfach nur dort mit gesenktem Kopf, während Nancy ihm einen Drink nach dem anderen gab.“

Nancy ist tot

Achtundvierzig Tage nach ihrer Ankunft in New York kam es schließlich zur Katastrophe. Nach einem heftigen Trip auf allen möglichen Substanzen wachte Sid im Hotelzimmer auf, ohne jede Erinnerung an das, was in den letzten Stunden geschehen war. Als er sich umsah, fand er Nancy auf dem Boden des Badezimmers liegend. In ihrem Bauch steckte das Springmesser, das Sid am selben Tag gekauft hatte. James Merberg, der Anwalt, der ihn später aus dem Gefängnis holen sollte, stützte seine Version, sich an nichts erinnern zu können. Das Gemisch aus Heroin, Quaaludes und Tuinal hatte auch nach der Meinung der Forensiker sehr wohl für vollkommene Gedächtnislücken sorgen können. Die Ungewissheit über sein eigenes Zutun und der Fakt, dass Nancy tot war, leiteten Sid endgültig in schwere Depressionen. Anzeichen dafür waren schon viele Jahre zuvor erkennbar gewesen.

Das Chelsea Hotel in New York City, in dem Nancy Spungen ermordet wurde

Sid wurde unter der Verdacht des Mordes an Nancy festgenommen und vier Tage später zu ersten Mal auf Kaution wieder freigelassen. Die Depressionen wurden schließlich so stark, dass Malcom McLaren und Anne Beverley den Psychiater Steve Teich damit beauftragten, Sids Geisteszustand zu untersuchen. Sein Urteil:

„Es schien, als hätte er schon eine viel längere Depression seit seiner Kindheit hinter sich, die durch die Behandlung zweiter Klasse durch die Gesellschaft ausgelöst worden war. Er schien, keine Zielstrebigkeit mehr zu haben. Die Sex Pistols hatten sich aufgelöst und Nancys Tod war zu viel. Seine Strategie zur Bewältigung des Schmerzes war Heroin.“


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Ständige Überwachung

Unter diesen Umständen empfahl Teich Malcom und Anne, ständig ein Auge auf Sid zu haben, ganz gleich wie auf der Sex-Pistols-Tour. Sie taten es nicht. Eines Abend ging Anne auf die Straße, um ihrem Sohn Heroin zu besorgen, während sich Sid mit einer Glühbirne die Unterarme aufschlitzte. Als ein Krankenwagen das Hotel erreichte, wurden die Notärzte von der Polizei begleitet. Beim Anblick der Beamten machte Sid Anstalten, aus dem nächstgelegenen Fenster zu springen, was nur durch massiven Körpereinsatz der Polizisten verhindert werden konnte. Später flüchtete er aus dem Krankenhaus und ließ Malcom und Anne ratlos zurück.

Erneut drängte Steve Teich auf eine langfristige psychiatrische Behandlung, denn er hatte derartige Fälle schon häufig beobachtet. Sich selbst zu verletzten, sei für viele seiner Patienten ein Weg gewesen,  ihrem inneren Schmerz ein Ventil zu geben. Gegenüber der Presse äußerte sich Sid derweil mehrfach, er wolle sich selbst das Leben nehmen, um wieder bei Nancy sein zu können. Die Vermutung lag daher nach seinem Tod nahe, dass Sid sich das Leben genommen hatte, doch viele Jahre später entpuppte sich ein anderes Bild.


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Die letzten Stunden

Nach seiner Überdosis auf der Party in Greenwich Village fragte Sid seinen Freund Peter Kodick nach noch mehr Heroin. Peter verweigerte es ihm zunächst, doch nach einigen Minuten des Bittens gab er nach. Die Dosis war deutlich kleiner als zuvor, doch das Risiko war immer noch enorm hoch. Sid kannte keine rote Linie, vor allem nicht unter den gegebenen Zuständen. Laut Malcom McLaren sei sein Leben nicht wichtig für ihn gewesen. Nach diesem Maßstab agierte er auch in jener Nacht. Als er sich den zweiten Schuss setzte, begann er Peter von allen möglichen Dingen zu erzählen, was die letzte wirkliche Unterhaltung seines Lebens wurde. Sid wollte ein Solo-Album aufnehmen, um die mittlerweile horrenden Anwaltskosten bezahlen zu können. Auch Nancy war ein Thema. Etwa zwei Stunden später verließ Peter Kodick die Wohnung und gab Sids Mutter das restliche Heroin, jedoch nicht, ohne sich vorher versichern zu lassen, dass sie es Sid nicht geben würde.

Ein trauriges Geheimnis

Was im Folgenden passierte, war für mehrere Jahrzehnte ein gehütetes Geheimnis. Sergeant Richard Houseman von der New Yorker Polizei ermittelte in dem Fall und berichtete viele Jahre nach Sid Vicious Tod von seinen Ergebnissen. Laut seiner Aussage lag Sid mit seiner Freundin Michele Robinson am frühen Morgen des 2. Februar 1979 im Bett, wo er sie dazu aufforderte, ihm einen neuen Schuss zu setzen. Natürlich hatte er das übrige Heroin bei seiner Mutter gefunden, die mittlerweile im Nebenzimmer schlief. Michele weigerte sich und ging hinaus, um Anne zu wecken und ihr davon zu erzählen. Diese Version der Geschichte deckte sich tatsächlich mit dem, was kurz vor dem Tod von Anne Beverley zutage kam.


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Anne starb 1996 selbst an einer Überdosis, doch vor ihrem Tod wandte sie sich an den Journalisten Alan Parker, um ihm die Wahrheit zu erzählen. Durch die vorausgegangene Überdosis, die Sid um ein Haar überlebt hatte, schwitzte er heftig und hatte wenig Kontrolle über seine Hände. In diesem Zustand war es ihm nicht möglich, sich selbst eine Spritze zu setzen, sodass er Hilfe brauchte. Laut Parker bereitete also Anne die Spritze vor und setzte ihrem Sohn eine tödliche Injektion. Durch ihre eigene Erfahrung als Heroinsüchtige wusste sie genau, welche Menge sie verwenden konnte und welche Dosis tödlich war. Parker glaubte, Anne habe aus einem Motiv der Gnade gehandelt, um Sid vor einer erneuten Gefängnisstrafe zu bewahren, die ihm ihrer Meinung nach sicher bevorstand.

Das Ende

Die genauen Beweggründe ihrer Tat hat Anne Beverley mit ins Grab genommen, doch unzweifelhaft ist Sid Vicious Tod in Verbindung mit der gesamten Geschichte seines Lebens eine einzige Tragödie. Er starb mit nur einundzwanzig Jahren und wurde im Grunde nie wirklich erwachsen. Über die gesamte Spanne seines kurzen Lebens hatte er nach einer Identität gesucht. Die fehlende Basis durch den umtriebigen Lebenswandel seiner Mutter, das eher freundschaftliche als mütterliche Verhältnis zu ihr und die Abwesenheit einer Vaterfigur stellten die Weichen für eine Fahrt, die gar nicht anders konnte, als zu entgleisen.

Die Sex Pistols während ihrer letzten Tour durch die USA

Aus John Simon Ritchie wurde Sid Vicious. Aus Sid Vicious wurde eine der größten Figuren des Punk, mit der der Mensch dahinter stets versuchte, mitzuhalten. Der womöglich einzigen sozialen Halt, den er je gefunden hatte, war gleichzeitig ein elementares Puzzlestück seines Verderbens. Nancy Spungen war Fluch und Segen zugleich, sie machte ihm Mut und gab ihm ein Selbstwertgefühl. Und sie gab ihm Heroin. Mit Sid Vicious starb der einzige Verdächtige im Mordfall Nancy Spungen, der darauf zu den Akten gelegt wurde. Angeblich hatte Anne Beverley einen kurzen Brief in der Jackentasche ihres toten Sohnes gefunden. Darin soll es geheißen haben, er habe einen Todespakt mit Nancy gehabt, dessen eigene Hälfte er einlösen musste. Heute deutet alles darauf hin, dass Sids Mutter Anne dafür verantwortlich war, dass es letztlich dazu kam.

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