RS-Story



Sparks sind die Staubsauger des Pop und bald die neuen Helden des Arthouse-Kinos


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Die Sparks waren immer eine Band der Überraschungen und Extreme. Vielleicht ist es deshalb nur logisch, dass die Gebrüder Mael auch in einem Jahr voller Unwägbarkeiten und Außerordentlichkeiten endlich jene wohltuende Anerkennung erhalten könnten, die sie nach weit über 40 Jahren Achterbahnfahrt im Musikbusiness verdienen.

Mit einer fast 60 Songs umfassenden Retrospektive streiften die Sparks zuletzt ihre kaum auf einen Nenner zu bringende Vergangenheit ab. Sozusagen eine Häutung, um in neuer Gestalt mit neuem Album und neuen Projekten weiterzumachen.

„A Steady Drip, Drip, Drip“ ist das 24. Studioalbum der Sparks
„A Steady Drip, Drip, Drip“ ist das 24. Studioalbum der Sparks

Was hat das Duo nicht alles für Genres bedient oder gleich selbst mit aus der Taufe gehoben: Glam Rock, Power Pop, Disco, Synth Pop, House, Techno, Kammermusikpop. Jede Bezeichnung benötigte noch ein himmelhochjauchzendes Adjektiv, um die Kategorisierung konkret werden zu lassen. Sie arbeiteten mit Tony Visconti und Giorgio Moroder, machten Regielegende Ingmar Bergman zum Star eines Fantasy-Musicals und verschmolzen für eine Platte und eine Tour mit der schottischen Band Franz Ferdinand (FFS).

Staubsauger des Pop

Ron Mael hat auch einen Grund für diese erratische Herangehensweise: „Wir haben nie eine konstante musikalische Ausdrucksform hinbekommen, also haben wir dieses Thema früh abgehakt“ Man habe nie eine Sensibilität für solche Stilfragen entwickelt und sich stattdessen immer von den Möglichkeiten der jeweiligen Zeit treiben lassen.

So wirkten die Sparks immer auch wie ein Staubsauger, der alle Trends und Moden in dieses nimmermüde, gewiss auch intellektuelle Spiel mit Kunst und popmusikalischen Haltungsfragen einsaugte. Zimperlich waren die beiden Musiker nicht. Russell Maels anscheinend alterslose Stimme trifft noch immer Töne, die Wohlklang vermeiden und sich stattdessen anhören, als kämen sie aus einem Computer.

Sparks
Sparks

Ron Maels Texte waren immer besessen von satirischen Sperenzchen und sexuellen Perversionen. „Ich habe viele Wege gefunden, komische Situationen zu beschreiben und sie auf möglichst ungewöhnliche Art aufzulösen“, beschreibt er sein Songwriting und glaubt daran, dass Sex nun einmal einer der großen Triebfedern der Rockmusik ist und immer bleiben wird. „Als ich jung war, kam Elvis mit seiner harschen, elektrisierenden Sexualität. Das kann man heute gar nicht mehr nachvollziehen. Liebe und Sex sind in der Popmusik einfach etwas sehr viel realistischeres als im wahren Leben.“

All diese Extravaganzen hintertreiben allerdings auch die offensichtlichen Referenzen an die ernste Musik und die Querdenker der Rockmusik. „Mich interessierten eigentlich immer die meilenweit entfernten, auffällig idiosynkratischen englischen Romantiker“, sagt Mael anerkennend über eine Musik, die andere gewiss nicht mit diesen Worten umschreiben würden. Recht eigentlich meint er damit die frühen Kinks und The Who. Mael ergänzt: „George Gershwin hatte einen großen Einfluss auf mich. Er war gleichzeitig ein Komponist und Songwriter, bevor das alltäglich wurde, und schrieb einige der größten Sachen, die es gibt.“

Dada-Rock und  „Stravinsky’s Only Hit“

Mit ihrer neuen Platte nehmen sich die Sparks nun hörbar etwas zurück. Fast klassische Songstrukturen, kein Lied länger als vier Minuten. Eine musikalische Evolution, die schon auf dem Vorgänger „Hippopotamus“ angedeutet war und inzwischen meilenweit entfernt ist von dem atemberaubenden Postklassikexzess von „Lil‘ Beethoven“, das Ron Mael als das bedeutendste Werk der Sparks einordnet, weil es ganz und gar von den Fesseln gewöhnlichen Songwritings gelöst war und im Studio magisch aus einem Akt der radikalen Improvisation entstand.

Die selbstbewusste Ironie, mit dem eigenen Handwerk verschwenderisch umzugehen, bleibt aber dennoch auf der neuen LP erhalten. Im Dada-Rock-Stück „I’m Toast“ muss die Feuerwehr gerufen werden, wenn es heißt: „One hit wonders, workplace blunders, some hang on too long / Empty nesters, bad investors, lovers who’ve been wronged / Here’s my hope, that you will never have to sing this song / But you probably will, in fact you’re whistling along.“

Hinzu kommt aber auch der skeptische Blick auf eine Welt, die sich selbst zum Sklaven der eigenen Technik macht („iPhone“) und das giftige Urteil über eine Menschheit, die ihre eigenen Lebensgrundlagen zerstört („Please Don’t Fuck Up My World“). „Stravinsky’s Only Hit“ kann hingegen fast autobiographisch verstanden werden. Man hat sich eben im Bohemien-Leben eingerichtet, kauft sich (nicht ganz so teure) Malereien und schaut sie sich stundenlang in den eigenen vier Wänden an.

In ihrer Heimat Los Angeles, überhaupt in den USA, werden sie auch im dritten Jahrzehnt des dritten Jahrtausends wohl nicht mehr verstanden werden. Aber es gibt etwas Hoffnung, glaubt Mael. „Durch das Internet findet eine ganz neue Generation zu den Sparks, dort können die Leute auch gleich nachschlagen, was dieses oder jenes in unseren Songs bedeutet – das scheint hilfreich zu sein.“ Ein wenig so wie die inzwischen nicht mehr wegzudenkenden Erklärungsblöcke direkt neben den Kunstwerken in den Museen.

Dabei steht vieles in diesen Songs für sich, weil sie schon strukturell außergewöhnlich cineastisch funktionieren. Sie erzählen expressive Geschichten, evozieren suggestive Bilder. Kein Wunder, die Brüder wählten beide in den 60ern an der University of California Filmkurse, Ron Mael studierte gar Theater und Film.

Sparks und das Kino

„Mich interessiert vor allem der Einsatz von Musik im Film“, sagt er. „Aber ich meine damit nicht den Soundtrack, sondern wie Songs und Musik im Kino verwendet werden.“ Von ihrem virtuosen Vorspiel im eleganten 70er-Thriller „Achterbahn“ (1977) über ungewöhnliche Soundtrack-Verstärkungen („Die rabenschwarze Nacht“, 1985) bis hin zu einem Kurzauftritt der Maels in „Gilmore Girls“ ist die Beziehung der Band zur Welt der bewegten Bilder reichlich schillernd.

In diesem Jahr wird eine neue, noch nicht abgeschlossene Dokumentation über die Sparks auf die Leinwand kommen, inszeniert von Edgar Wright („Shaun Of The Dead“). Noch interessanter dürfte aber die Verfilmung ihres Musicals „Annette“ durch den französischen Regie-Exzentriker Leos Carax sein, die zum Teil in Münster, Köln und Bonn gefilmt wurde und mit Adam Driver und Marion Cotillard erstklassig besetzt ist. Mael: „Wir konnten mit diesen Stücken nicht auf Tour gehen, also was lag näher, als dass sie Stoff für einen Film würden?“

Man muss kein Prophet sein, um sich vorzustellen, dass die Rock-Oper um einen Stand-Up-Comedian, der sich in eine Opernsängerin verliebt, dem Pop-Duo ein völlig neues Publikum bescheren könnte.


Sparks-Trivia

In mehr als 40 Jahren hat Ron Mael seinen ikonischen Schnauzer – eine Reminiszenz an Charlie Chaplin – nicht einmal abrasieren wollen. Für eine ungewöhnliche Promo-Aufnahme in den 80ern machte er aber eine Ausnahme. Dafür wurde das gute Stück für das Foto-Shooting an Bruder Russell übertragen.

Wie verändert sich die Beziehung eines Bruderpaares, wenn man so lange gemeinsam auf der Bühne steht? Ron Mael hat sich darüber noch nie Gedanken gemacht, zu professionell ist die Zusammenarbeit, zu getrieben scheinen die beiden, ihre Musik weiterzuentwickeln. Ihr Erfolgsgeheimnis: „Wir reden einfach nicht viel miteinander.“

Das fantastische Musikvideo zum ebenso fantastischen „Hippopotamus“-Song „Edith Piaf“ wurde von Animationsfilmer Joseph Wallace gestaltet. Er wird auch bei der kommenden Sparks-Dokumentation seine Finger im Spiel haben. Der Versuch, aus „The Seduction of Ingmar Bergman“ einen Trickfilm zu machen, scheiterte aber.


Gewinnspiel

ROLLING STONE verlost dreimal die neue Platte der Sparks, „A Steady Drip, Drip, Drip“. Wer gewinnen will, muss nur das Formular ausfüllen und als Lösung „Sparks“ angeben. (Die Platten werden erst nach dem Release der Scheibe am 03. Juli verschickt.

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Jorgen Angel Redferns