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Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Keine Träne ist umsonst


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Folge 215

Gab es in diesem Jahr eigentlich Sommerhits? Falls ja, so sind diese gütig am Ohr Ihres Chronisten vorbeigedudelt.

Eine überstürzte Recherche zum Thema fördert einen Artikel in der „FAZ“ zutage, dessen knallige Überschrift sogleich in den Bann zieht: „Leser haben abgestimmt: Das ist unser Sommerhit 2020“. Ich habe mir die drei erstplatzierten Songs mal angehört und war einigermaßen enttäuscht: Die vertretenen Stücke verfügen über keinerlei sommerliche Spezifikationen, es sind schlicht irgendwelche dahergelaufenen Hits, die von den „FAZ“-Lesern in Ermangelung echter Sommerware zum Sommerhit erklärt wurden. Skandal!

Im richtigen Moment in den Charts sein

Aber vielleicht liegt hier schon das Missverständnis: Sommerhits müssen womöglich gar nicht immer von Strandbars, Amouren im August oder Cabriofahrten in Küstennähe handeln. Es müssen vielleicht auch gar nicht zwingend leichtbekleidete Menschen mit Surfbrettern unterm Arm oder tropfendem Gelato in der Hand durch die Sommerhit-Videos springen.

Und eventuell müssen die Titel der Stücke gar nicht zwingend „Chacka-chacka, irgendwas“, „Die Fischer von Santa Lamborghini“ oder „On The Beach“ lauten. Man muss einfach nur im richtigen Moment (Sommer) in den Charts sein. Halbwegs ernüchtert habe ich mir daraufhin die drei erstplatzierten Sommerhits der „FAZ“-Leser angehört.

Auf Platz 3 findet sich „Break My Heart“ von der Sängerin Dua Lipa. Das Stück verfügt über das, was gesetzte Funk-Vinyl-Sammler wohl als „Mörderbassline“ bezeichnen. Den Rest des Songs habe ich vergessen.


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Wie das so ist, haben etwa 342 verschiedene Hit-Routiniers an dem Stück mitgeschrieben, darunter die 30-jährige Ali Tamposi, die schon für Beyoncé, Christina Aguilera, Kelly Clarkson, Blink-182, Ozzy Osbourne und Nickelback tätig gewesen ist und im letzten Jahr den Hit „Señorita“ von Shawn Mendes und Camila Cabello schrieb – das war tatsächlich mal ein Sommerhit! Auch Michael Hutchence wird mit einem Autorencredit für „Break My Heart“ bedacht: Der Refrain ist wohl einfach zu nah am INXS-Song „Need You Tonight“.

„Ich wein vor Glück wegen dem, was kommt“

Auf Platz 2 wählten die „FAZ“-Leser einen deutschen Interpreten. Wir begegnen hier dem beliebten Erbauungskünstler und singenden Naheliegenschaftsverwalter Mark Forster. Forster weiß natürlich, welch heikles Unterfangen es ist, im Krisenjahr 2020 einen deutschsprachigen Sommerhit unters Volk zu bringen. Leichtgewichtigere Artisten wären an der Aufgabe vermutlich zerbrochen. Nicht so Forster!

Der Dampflyrik-Routinier kann für seinen Schlager auf ein ebenso erprobtes wie siebenköpfiges Autorenteam zurückgreifen, dem er auch selbst angehört. Nur so lässt sich die Qualität des Textes erklären: „Guck, wie weit wir’s schon geschafft ha’m/ Doch ich glaub, ist nur der Anfang/ Keine Träne ist hier umsonst/ Ich wein vor Glück wegen dem, was kommt/ Wenn du auch denkst, dass du’s nicht mehr schaffst/ Trag ich uns zwei, nehm dich huckepack/ Wir müssen mit uns reden wie Dickschädel/ Und wenn ich falle, wirst du mich heben.“

Das Video wurde in einer Tiefgarage gedreht. Oder ist es ein Club? Man kann das ja im Jahr 2020 nicht mehr auseinanderhalten.


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Und welches Lied kürten die „FAZ“-Leser zum Obersommerhit? Die Wahl fiel auf The Weeknds „Blinding Lights“. Definitiv ein toller Hitklopper auf Basis verschollen geglaubter Skizzen von a-ha, allerdings bereits im präpandemischen November 2019 auf die Welt losgelassen. Auch an „Blinding Lights“ haben immerhin fünf Autoren mitgestrickt und drei Produzenten herumproduziert. Mir persönlich wäre das ja zu wuselig.


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Was zurückbleibt, ist Ratlosigkeit. Und das Gefühl, sich von den „FAZ“-Lesern vielleicht lieber die drei besten Thomas- Mann-Biografien des Sommers empfehlen lassen zu wollen. Der Sommerhit als Kategorie mit festen Regeln – das Gruseljahr 2020 scheint auch ihm den Garaus gemacht zu haben.

Mein Sommerhit 2020 war übrigens Bob Dylans „Key West (Philosopher Pi-rate)“.


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Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Oldenburg, Großenkneten, Seattle

Folge 214 Das Leben spült einen an die seltsamsten Orte. Nach Oldenburg zum Beispiel. Auch hier leben Menschen, und sie tun alles, was Menschen auch sonst so tun: sitzen, Tätowierungen zeigen, „bequeme Sommerkleidung“ tragen, durch den Schlussverkauf tapern. In der Fußgängerzone hockt ein weißhaariger Mann mit einer Gitarre auf dem Schoß und Rasseln an den Füßen und spielt Flamenco. Eine Gruppe Spanier fotografiert ihn begeistert. Ich setze mich in ein Café und trinke ein lokales Bier. Aus einem Haus mitten in der Fußgängerzone dringt Rockmusik der eher unaufregenden Sorte. Eine Schülerband mit Grunge-Affinität scheint hier, zwischen Drogeriemärkten und Gesundheitsschuhgeschäften, ihren…
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