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Gilby Clarke im Interview: „Warum muss ich drei Anwälte haben, nur um Gitarre zu spielen?“


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Mit „The Gospel Truth“ meldet sich Gilby Clarke mit seinem ersten Soloalbum seit 20 Jahren zurück. Dabei setzt der ehemalige Gitarrist von Guns N‘ Roses, der während der „Use Your Illusion“-Tour Gründungsmitglied Izzy Stradlin ersetzte, auf Altbewährtes. „The Gospel Truth“, der Nachfolger von „Swag“, ist Gitarrenrock der alten Schule — schnörkellos und sehr eingängig. Davon, dass Rock’n’Roll tot ist, wie es unter anderem KISS-Bassist Gene Simmons behauptet, will Clarke nichts wissen. Im Gegenteil: Im Stück „Rock’n’Roll Is Getting Louder“ erklärt er, dass Rock wohlauf – und wieder mehr der Underdog im Mainstream ist.

Im Interview erzählt Gilby Clarke von seiner Solokarriere, seinen Anfängen in der Hollywood-Rockszene, wie er die „Use Your Illusions“-Tour von Guns N‘ Roses erlebte und wie es ihm als Musiker danach erging.

Gilby, Ihr letztes Soloalbum erschien vor zwanzig Jahren. Wieso hat es so lange gedauert?

Wissen Sie, ich hatte nie vor, eine Solokarriere zu starten. Es hat sich einfach irgendwie ergeben, dass ich irgendwann mal eine Platte gemacht habe und dann eben die Möglichkeit bekam, eine zweite aufzunehmen. Nach „Swag“ hat sich die Industrie grundlegend verändert. Ich hatte das Col.-Parker-Projekt, danach kam Rock Star Supernova, außerdem habe ich eine Menge Bands produziert. Ich stellte mir die Frage, warum ich eigentlich überhaupt noch Platten machen sollte. Die Live-Shows liefen schließlich gut, wir hatten genügend Angebote.

Was hat Sie dann doch dazu bewogen, ein neues Album zu machen?

Eines Tages besuchte ich Mötley Crües letztes Konzert im Staples Center. Ich habe die erste Show der Band überhaupt gesehen, ich wollte auch die letzte sehen. Im Backstage-Bereich von Nikki Sixx traf ich einen Freund von mir, Dave Darling. Dave meinte: „Du hast schon lange kein Soloalbum mehr gemacht“. Ich sah ihn an und meinte, halb im Scherz: „Warum sollte ich? Kauft noch jemand Platten? Was hat das überhaupt für einen Sinn?“ Er sah so aus, als wollte er mir deswegen am liebsten eine reinhauen. „Mann, du musst Platten machen, du bist ein Künstler und Künstler nehmen Platten auf“. Dann merkte er noch an: „Und wenn nur eine einzige Person die Platte kauft, ist das wichtig”. Irgendwie löste das etwas in mir aus und ich dachte mir, dass er damit recht hat.  Also fing ich wieder an, Texte zu schreiben, Songs zu arrangieren, wieder mit den Jungs zu spielen. Mit der Absicht, eine Platte zu machen. Das fühlte sich wirklich gut an, aber es war schon auch eine Herausforderung. Ich habe so viele Songs geschrieben, worüber sollte ich noch schreiben? Das war die Herausforderung: Songs zu schreiben, die etwas zu sagen hatten. Ich bin sehr glücklich damit. Ich denke, das sind meine stärksten Texte seit „Pawnshop Guitars“, mein Solo-Debüt von 1994.

Wie liefen die Aufnahmen ab?

Ich habe mein eigenes Studio. Damit meine ich kein kleines Homestudio, sondern eines mit einem Tracking-Raum und einem Live-Raum. Ich habe tolle, alte Mikrofone und ein Neve-Board. Das ist schon sehr praktisch. Meistens gehe ich ein, zwei Songs auf einmal an. Nehmen wir als Beispiel „Rock’n’Roll Is Getting Louder“. Da hatte ich diese Idee und dachte: „Dafür wäre Kenny Aronoff toll am Schlagzeug“. Also rief ich Kenny an und spielte ihm das Riff vor, zeigte ihm die Ideen. Ich fange normalerweise mit Gitarre und Drums an, oft spiele ich auch noch eine Bass-Skizze ein, bis ich einen richtigen Bassisten habe. Mittlerweile sind wir nicht mehr alle gleichzeitig im Studio wie früher. Meist nehme ich gemeinsam mit dem Schlagzeuger auf – dann kommt der Bass und danach stelle ich die Gitarren und die Vocals fertig.

Apropos Mötley Crüe: Auf dem Song „Tightwad“ spielt Nikki Sixx Bass.

Ja, Nikki ist großartig auf dem Song. Er hätte eigentlich schon auf „Pawnshop Guitars“ spielen sollen. Ich habe die Platte damals in den A&M Studios in Los Angeles aufgenommen. Zur selben Zeit machten Mötley Crüe gerade ihr Album mit John Corabi. Wir haben uns oft unterhalten, sind zusammen Motorrad gefahren, gingen was trinken. Ich meinte zu Nikki: „Du musst unbedingt Bass auf dieser Platte spielen“. Es hat sich aber irgendwie nie ergeben, es kam immer was dazwischen. Ich behielt das aber immer im Hinterkopf — und diesmal hat es sich dann tatsächlich ergeben. „Tightwad“ war der perfekte Track dafür und Nikki hat einen großartigen Job gemacht. Es ist nichts, was man Nikki Sixx auf einer Mötley-Crüe-Platte spielen hören würde.

Wie komponieren Sie: Geifen Sie zuerst zur Akustikgitarre und schreiben Akkorde und Melodie — oder baut sich alles auf einem Gitarrenriff auf?

Es ist ein bisschen von beidem. Es gibt Tage und manchmal auch Wochen, an denen durchgehend ich mit meiner Akustikgitarre umgeschnallt herumlaufe. Ich laufe einfach durchs Haus und spiele Gitarre. Ich schaue ein Lakers-Spiel und spiele dabei. In meinem Schlafzimmer habe ich einen Vox-Verstärker und eine Les Paul. So fängt es an: Ich jamme einfach drauf los. Manchmal kommt was dabei raus, das mir gefällt. Normalerweise ist das ein Riff. Oder es ist nur irgendeine Idee. Ich versuche, mich nicht zu wiederholen. Es ist wirklich wichtig für mich, Songs zu schreiben, die man von mir noch nicht gehört hat.

In „Rock’n’Roll Is Getting Louder“ sprechen Sie von dem heiligen Triumvirat: Sinatra, Elvis, Jesus.

Schön, dass Sie das bemerkt haben. Das ist die Heilige Dreifaltigkeit. Für mich war dieser Song wichtig, weil ich es langsam leid bin, immer zu hören, dass Rock tot ist. Sogar von einigen unserer Helden. Er ist nicht tot, er ist immer noch da. Rock’n’Roll ist nur vielleicht gerade ein bisschen im Underground. Na und? Jazz war schon immer im Underground, aber er ist immer noch da. Und er ist immer noch wichtig. Es gibt immer noch großartige Musiker, die Jazz machen und es gibt immer noch großartige Musiker, die Rock ’n‘ Roll machen. Ich weiß nicht, warum er tot sein soll. Einige der größten Tournee-Acts sind AC/DC und U2 — das sind alles Rock ’n‘ Roll-Bands. Bon Jovi sind immer noch riesig, Guns N‘ Roses spielen in Stadien. Klar bräuchten wir mal wieder ein paar jüngere Künstler. Aber das „Rock’n’Roll“-Gerede nervt mich einfach. Deswegen wollte ich ein Zeichen setzen, dass Rock’n’Roll nicht tot ist, dass Rock’n’Roll lauter wird, dass wir immer besser werden. Es geht in dem Song aber nicht nur Rock and Roll, es geht ein bisschen um alles. Er handelt auch von meiner persönlichen Reise, davon, dass ich nicht aufgebe.

Ihr Image ist das eines Outlaws.

Im Herzen bin ich ein Outlaw. Es ist witzig: Ich fahre ja viel Motorrad mit Freunden an den Wochenenden. Meist fahre ich ganz vorne in der Schlange — und oft fahre ich vielleicht 10 Meilen pro Stunde zu schnell. Wenn dann ein paar in der Gruppe zurückfallen, frage ich sie immer, wenn wir später anhalten: „Was zum Teufel ist mir dir passiert?“ Ich bekomme dann als Antwort: „Mann, du fährst doch viel zu schnell!“. Ich antworte dann: „Bist du ein Outlaw oder nicht?“. Manchmal muss man halt hier und da eine Regel brechen. Ich versuche, mir diesen Geist zu bewahren.

Haben Sie in solchen Momenten auch Gene Simmons im Sinn? Er war es ja, der behauptete, Rock’n’Roll sei tot …

Wie zur Hölle kann er das behaupten? KISS geht es doch immer noch ziemlich gut. Gut, vielleicht verkaufen sie keine Millionen Alben mehr. Aber sie sind immer noch eine höchst erfolgreicher Tour-Act. Vielen Classic-Rock-Acts geht es später in ihrer Karriere so. Und die Rolling Stones spielen Stadien. Das soll tot sein?

Alice Cooper bemerkte auf Simmons‘ Zitat hin — deswegen brachte ich den Begriff Outlaw ins Spiel —, dass Rock’n’Roll lebendig sei, aber eben wieder Outlaw-Status hätte.

Das finde ich auch. Rock’n’Roll ist wieder im Underground. Aber das ist es auch, was Rock ’n‘ Roll sein sollte. Es war ursprünglich ein Statement aus dem Untergrund.

Diesen Typus des Rockstars, den Sie als Mitglied von Guns N‘ Roses in den 1990er-Jahren verkörperten — könnte es den heutzutage überhaupt noch geben?

Sie meinen wegen der Political Correctness und der Cancel Culture? Früher gab es richtige Rockstars mit dieser Outlaw-Attitüde. Heute gibt es die nicht mehr. Wir bräuchten jüngere Generationen an Rockstars, aber keiner möchte öffentlichen Selbstmord begehen und etwas Dummes sagen. Das mit der Cancel Culture ist echt schwierig. Wenn man Interviews gibt, muss man heutzutage vorsichtig sein, was man sagt. Selbst wenn man ehrlich ist und nichts gar nichts Falsches sagt, nehmen die Leute alles, was so ist, viel zu ernst.

Ende der Siebziger zogen Sie von Cleveland nach Hollywood — damals ja das Epizentrum des Rock’n’Roll. Wie fühlte es sich zu dieser Zeit an, dort als Rockmusiker zu leben?

Als ich anfing Ende der 70er, Anfang der 80er, gab es unglaublich viele tolle Bands. Lokale Acts, die einen echt umgehauen haben. Leider habe ich Van Halen damals verpasst, aber ich sah zum Beispiel Randy Rhoads mit Quiet Riot. Diese Bands sahen einfach nicht aus wie lokale Acts. Als junger Musiker inspirierte mich das damals, besser zu werden. Ich wollte keine Shows spielen, bevor ich auch wirklich dafür bereit war. Da gibt es eine lustige Geschichte von einem Freund, den ich damals kennengelernt habe. Wir haben gemeinsam in einem Lagerhaus gearbeitet. Er zog damals  aus New York nach L.A., um Gitarrist in einer Band zu werden. Und das war noch vor den 80ern. Am ersten Abend meinte er: „Lass uns mal die lokalen Bands anschauen gehen“. Am ersten Abend sah er Randy Rhoads mit Quiet Riot spielen. Am zweiten Abend sah er Eddie Van Halen mit Van Halen. Er meinte nur: „DAS sind die lokalen Bands? Ich muss wirklich mehr üben!“ Und er ging zurück nach New York. (lacht)

Man konnte auf dem Sunset Strip also von Club zu Club ziehen und überall war was los?

Absolut. Aber es war schon auch so: Wenn eine dieser Band im Troubadour eine Headline-Show spielte, gab es extra deswegen keine Konkurrenz im Whiskey-A-Go-Go. Diesbezüglich waren alle ziemlich cool. Diese Bands, Mötley Crüe, Ratt oder Poison wurden aber nicht von Majors unter Vertrag genommen, sondern Indie-Labels. Rock war zu dieser Zeit an vielen Orten tot, aber in Los Angeles alles andere als das. Da war er groß!

Und dann wurden die Bands irgendwann so groß, dass  die Major Labels sie nicht mehr ignorieren konnten?

Ja, genau. Meistens lief es so, auch bei meiner ersten Band: Man unterschrieb bei einem Indie-Label. Dann wurde man von einem Major gekauft. Wir kamen bei einem Unterlabel von MCA unter — und die brauchten ewig. Wir warteten ewig auf einen Produzenten. Und irgendwann kaufte uns Polygram/Mercury.

Das war mit der Band Candy, richtig?

Exakt. Wir haben Jahre damit verbracht, auf Produzenten zu warten. Aber immerhin haben wir auch live gespielt. 1985 kam die erste Platte raus, aber wir waren seit 1981 zusammen. Und wie schon gesagt, wir waren davor schon bei zwei Major Labels. Das war eine andere Zeit.

Was haben Sie in dieser Zeit gelernt?

Dass man damals bei den meisten Bands alles selbst machte. Wir hatten keine Manager, wir hatten keine Agenten. Normalerweise kümmerte sich einer der Jungs in der Band um das ganze Geschäft, wie das Booking, der andere machte Flyer. So hatte jeder eine Aufgabe. Woran ich mich bei Candy gut erinnere, ist, dass wir lokal sehr gut unterwegs waren. Wir waren Headliner im Troubadour an zwei Abenden, wir waren Headliner im Whiskey, wir waren Headliner im Roxy, spielten im Palace — und das noch, bevor wir einen Plattenvertrag hatten. Wir bekamen einen Plattenvertrag bekamen, bevor MTV groß wurde. Wir liefen auf MTV, aber das bedeutete nichts. Wir gingen auf Tournee, wir spielten eine Tour als Vorgruppe von Corey Hart, eine andere für Rick Springfield. Wir hatten ein paar große Gigs. Aber die Band hat zu der Zeit keine Platten verkauft. Sowas ging erst, als Bands wie Poison auftauchten. Sie waren auf einem Independent-Label, liefen auf MTV und wurden immer größer. Das veränderte die ganze Szene.

Was kam für Sie nach Candy?

Ich gründete Kill For Thrills. Ich liebte es, bei Candy zu spielen, aber es führte einfach nirgendwohin. Also beschloss ich, meine eigene Band zu machen. Ich wollte in einer härteren Rockband spielen, mit lauten Gitarren.

Nachdem Sie sich ihre Hollywood-Sporen in den Clubs verdient haben, ging es mit Guns N‘ Roses plötzlich in ausverkaufte Stadien. Wie geht man mit sowas um?

Als ich zu Guns kam, hatte ich natürlich noch nie in einem Stadion gespielt, aber ich hatte schon in Arenen gespielt, bin durch die Clubs getourt. Es ging alles so schnell. Von dem Tag, an dem ich zum ersten Mal mit ihnen jammte bis zu dem Tag, an dem ich auf die Bühne ging, vergingen nur zwei Wochen. Ich bekam den Job an einem Wochenende und hatte eine Woche Zeit, um 50 Songs zu lernen. Ich musste den ganzen Katalog drauf haben, weil sie keine Setlist hatten. Ich war also nur damit beschäftigt, mir die Songs zu merken. Das Rockstar-Ding kam mir nicht in den Sinn. Jeden Tag saß ich mit einem Kassettenrekorder da, mit Kopfhörern auf, und lernte Izzys Gitarrenparts. Ich wollte die Jungs nicht enttäuschen.

Die Tour zu „Use Your Illusion“, die 1991 startete und erst 1993 endete, ist eine der legendärsten Tourneen der Rockgeschichte, um die sich wirklich viele Mythen ranken. Wie war es tatsächlich, Teil davon zu sein?

Um ehrlich zu sein, habe ich über all diese Dinge nicht nachgedacht. Ich habe damals einfach neue Beziehungen aufgebaut. Ich kannte Slash vor der Tour ja nicht wirklich gut, wir freundeten uns erst währenddessen an. Auch Matt [Sorum, Ex-GNR-Drummer, Anm.] kannte ich davor nicht. Ich musste mich nicht anpassen, sie haben diesbezüglich keinerlei Druck auf mich ausgeübt. Sie gaben mir viele Freiheiten. Sie sagten mir nicht, was ich spielen oder sagen sollte oder was ich anziehen musste. Sie haben mich akzeptiert. Natürlich machen wir alle Fehler. Ich war ja der Neue, und die anderen gaben nicht gerne Interviews. Also sagte ich manchmal Dinge, die ich nicht sagen hätte sollen und es danach auch nicht mehr getan habe. Mir waren die Freundschaften, die entstanden, wichtig. Ich musste nicht erst versuchen, reinzupassen, ich passte sofort rein. Wir waren ja Teil derselben Szene. Ich wollte, dass Slash, Axl und Duff stolz darauf sind, was ich tue. Ich wollte für sie den besten Job machen — und ich bin sicher, sie wollten auch das Beste für mich.

Sie waren in so vielen verschiedenen Band-Konstellationen, als Sideman, als Bandleader, als Neuer an Bord. Was ist die wichtigste Lektion, die Sie gelernt haben, um ein Teamplayer zu sein?

Es hat eine Weile gedauert, bis ich das gelernt habe: zuzuhören. Auf deine Umgebung zu hören. Manchmal bist du der einzige Gitarrist, manchmal bist du der zweite Gitarrist, du musst auf deine Umgebung hören. Man kann nicht einfach der Elefant im Porzellanladen sein und sagen: „Das bin ich, ich spiele so und scheiß drauf, wenn sie es nicht mögen“. Klar, man muss etwas Arroganz und Rock’n’Roll in sich haben, aber man muss auch genau hinhören. Kann es sein, dass du zu viel spielst? Manchmal muss man sich aus der Strophe heraushalten, den Bass oder das Keyboard die Strophe tragen lassen. Zuhören ist wirklich wichtig, besonders wenn man mit zwei Gitarristen spielt. Was spielt der andere? Akzentuierst du, was der andere spielt? Oder akzentuiert er oder sie, was du spielst? Passt es wirklich zusammen?

Sie waren Teil der All-Star-Band Rock Star Supernova, die per Castingshow einen Sänger oder eine Sängerin suchte. Neben Ihnen spielten auch Tommy Lee und Jason Newsted in der Band. 

Rock Star Supernova war wirklich mehr ein Experiment als alles andere. Ich denke, dass wir alle drei zu dieser Zeit offen für ein Experiment waren.  Das Fernsehen hatte zu dieser Zeit  einen so großen Einfluss auf die Musik im Allgemeinen, ob es „American Idol“ oder was auch immer war.  Es war aber eine Idee, die aus echter Integrität heraus entstanden ist. Mark Burnett, der die Show produzierte, sagte: „Rock ’n‘ Roll wurde noch nie richtig in TV gezeigt. Es ist immer nur eine verwässerte Version von Rock’n’Roll zu sehen“. Er versprach uns, dass wir sagen durften, was wir wollten und nie etwas rauszuschneiden. Die Kandidaten sangen alle live. Für mich war das definitiv Rock’n’Roll, der da repräsentiert wurde.

Wie würden Sie die Band nachträglich beurteilen?

Es war einfach ein Experiment. Es gab tolle Sachen und auch schlechte Sachen an der Band. Aber es war etwas Neues. Wir hätten dem Ding noch ein paar Jahre mehr geben sollen, um es zu entwickeln. Aber jeder von uns hatte in so vielen Projekten zu tun, es war schwer, das Ding am Leben zu halten.

Sie sagten ganz am Anfang unseres Gesprächs, Sie hatten nie geplant, ein Soloalbum zu machen. Ich nehme an, „Pawnshop Guitars“ war dann, vor allem von Zeitpunkt her, auch eine strategische Business-Entscheidung?

Das war definitiv ein Teil davon. Ich hatte aber bereits zuvor einen Deal mit Virgin. Ob Guns N‘ Roses dabei geholfen hat? Absolut, das ist keine Frage. Aber ich wurde als Virgin-Autor unter Vertrag genommen, fünf Jahre vor Guns N‘ Roses. Ja, natürlich, es war eine gute geschäftliche Entscheidung nach der Guns-N‘-Roses-Tour. Wir wussten, dass die Band jahrelang nicht spielen würde. Ich musste einfach irgendwas machen. Ich hatte nicht den Reichtum von Axl und Slash, ich konnte nicht wie sie zwei oder drei Jahre Pause machen. Ich musste weiterarbeiten. Ich wollte auch keine andere Band gründen. Ich war bei Guns N‘ Roses, als ich die Platte machte. Also war es einfach perfektes Timing. Ich hatte eine Sammlung von Songs, die von Kill For Thrills übrig geblieben waren. Als wir anfingen, Songs für Guns N‘ Roses zu schreiben, bot ich den Jungs all diese Songs an.  Wollt ihr „Jail Black“, wollt ihr „Skin & Bones“? Ich hätte sie ihnen alle gegeben. Axl meinte: „Die sind gut, aber nicht das, wonach wir suchen“. Ich beschloss also, ein Soloalbum zu machen. Ich fragte Slash, und der fand es gut und meinte: „Das ist eine großartige Idee. Du hast unsere Erlaubnis. Wir werden alle drauf spielen, das wird ein Spaß“. Und das war es auch. Es war für uns ein Grund, auch nach der Tour miteinander abzuhängen. Und eins sag ich Ihnen: Matt und Slash hingen wirklich jeden Tag im Studio mit mir ab.

Wenn Sie auf Ihre Erfahrungen zurückblicken: Was hassen Sie am meisten am Musikgeschäft?

Die Anwälte. Während meinen GN’R-Jahren gab’s Zeiten, in denen mich das wirklich beschäftigt hat. Wenn ich mir die Summe anschaue, die ich am Ende des Jahres meinen Anwälten bezahlt habe: Ich hätte nie gedacht, überhaupt mal soviel zu verdienen. Das habe ich am meisten gehasst. Ich habe immer gesagt: Warum muss ich drei Anwälte haben, nur um Gitarre zu spielen und eine Rock’n’Roll-Band zu haben? Das ist doch verrückt.

Neil Zlozower
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