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„Zuletzt“, sagt Roland Orzabal, „waren wir vor 30 Jahren hier. Da stand noch die Mauer!“ Sein Bassist Curt Smith ergänzt: „Und jetzt will Trump in Amerika eine neue bauen.“ Worauf Orzabal eine leichte Abwandlung des Klassikers von Dinah Washington anschlägt: „What a Diff’rence a Wall Makes!“.

Ja, sie machen aus Politik Pop. Manche sagen auch, Tears for Fears stünden unter Zugzwang: Jeder weiß, dass die Zwei sich nicht wirklich verstehen, aber alle erwarten ein Album, das erste seit 2004, vor allem, weil sie neuerdings wieder touren. Andere freuen sich zumindest über die Spielereien auf der Bühne. Orzabal, wie er, anstatt neue Songs zu schreiben, live in der Musikgeschichte wildert: eben Dinah Washington zu covern, außerdem macht er Trance-Versionen aus Liedern von Arcade Fire („Ready To Start“) und eröffnet das heutige Konzert zwar mit einer Band-Version von „Everybody Rules The World“, schickt dem per Playback aber eine „Twin Peaks“-Ambient-Fassung des Stücks voran. Er will aufzeigen, wie „TFF“ aussehen könnten, würden sie heute gegründet werden.

Später intoniert er sein on the road etabliertes Cover von „Creep“. Beide, Radiohead-Sänger Thom Yorke wie Orzabal, sind eigentlich zu alt um das Lied über Teenager ohne Zukunft überzeugend zu singen, aber sie sehen sich, immerhin, recht ähnlich: streng zum Zopf gebundene, grau schimmernde Haare, der einen Vollbart andeutende Backenbart, die rote Stratocaster. Man fragt sich, wie Yorke Tears for Fears wohl findet, ob er Ähnlichkeiten zum Kollegen feststellen würde, der nur sieben Jahre älter ist, aber aus einer komplett anderen Ära zu stammen scheint.

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Roland Orzabal, Tears for Fears

Ob die Texte von Radiohead und Tears for Fears wie große Literatur sind, können andere entscheiden. Aber Roland Orzabals Texte ließen sich als T-Shirt-Slogans großartig vermarkten. Als kleine Weisheiten, mindestens. Am Tag erfüllen Jugendliche die an sie gerichteten Erwartungen, in der Nacht bricht es auf sie herein: „The Dreams In Which I’m Dying Are The Best I Ever Had“ („Mad World“). Hass auf die Eltern, weil man ihnen nicht genügt: „They Gave You Life, And In Return You Gave Them Hell“ („Shout“). Die Unmöglichkeit, sich von dem frei zu machen, was die Eltern einem einimpfen: „It’s Under My Skin, But Out Of My Hands“ („Woman In Chains“).  Und, natürlich, weil alle bei Songs, die sich um „Regieren“ und „Welt“ drehen, an den POTUS denken: „I Can’t Stand This Indecision / Married With A Lack Of Vision“ („Everybody Wants To Rule The World“).

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Dazu die Weisheit der Heranwachsenden, dass im Familiensystem alle Rollen spielen, aus denen sie ausbrechen möchten: „Too many people living in a secret world / While they play mothers and fathers / We play little boys and girls“ („Advice For The Young At Heart“). Jeder Song an diesem Abend führt vor, dass Tears for Fears, in den 1980er-Jahren eher als erwachsene Problemkinder bezeichnet, vor ihrer Zeit alt geworden waren. Und es ist ein Jammer, dass Orzabal und Smith im Studio nichts mehr hinkriegen.

Natürlich gibt es kaum noch junge Fans dieser Band. Wer bei „The Seeds of Love“ 1989, also vor 30 Jahren, nicht auf den Zug aufsprang, dem bot sich danach eigentlich keine echte Gelegenheit mehr. Das heißt aber nicht, dass die Ü-40-Leute nicht wissen, welche Texte gerade heute wichtiger sind denn je. Den größten Szenen-Applaus erhält nicht etwa „Shout“, sondern die eher unauffällige Single „Woman In Chains“, bei der Zeile „It’s a world gone crazy / Keeps Woman in Chains“.

Curt Smith, Tears for Fears

Das Konzert endet nach kompakter, ordentlicher New-Order-Länge von rund 80 Minuten, und der letzte Gang zur Zugabe spricht Bände: Smith senkt die ausgestreckten Arme gebetsartig Richtung Boden – „Kommt mal runter“. Orzabal dagegen legt seine Hände hinter den Ohren an: „Das geht noch lauter, macht Lärm!“ Der eine winkt also ab. Der andere sucht Bestätigung. Smith ist müde, Orzabal hat den Traum noch nicht aufgegeben.

Es ist ja auch eine schwierige Konstellation: Wenn ein Duo sich nicht verträgt, gibt es ein Problem. Es fehlt mindestens das dritte Mitglied, eines, das moderiert. Andy Fletcher, wo bist Du, wenn man Dich braucht! Bei anderen 1980er Duos wie Pet Shop Boys und Erasure wäre Zwist vielleicht leichter zu beseitigen, weil Gleichberechtigung herrscht. Der Mann im Hintergrund macht die Musik (Chris Lowe, Vince Clarke), der Frontmann macht Texte und Konzept (Neil Tennant, Andy Bell). Beide liefern fürs Duo ihre Beiträge. Curt Smith von Tears for Fears aber ist nur Co-Frontmann und kein prägender Komponist. Er singt vor allem nur. Er ist die ganz klare Nummer zwei.

Die Mikros von Smith und Roland Orzabal stehen auf der Bühne aber auch keine zwei Meter voneinander entfernt. Ohne den anderen ist jeder nichts. Orzabals Alben ohne Smith, die ab 1993, waren Misserfolge. Die Zwei gehören zusammen. Das letzte gemeinsame Werk, „Everybody Loves a Happy Ending“, war zumindest ein guter Anfang.  Orzabal feierte auf der Platte die Beatles ab; in „Secret World“ baut er live ein Snippet aus McCartneys „Let ‚Em In“ ein – eigentlich ein Song über wechselnden Besuch im eigenen Haus, aber im heutigen Kontext eines über die Notwendigkeit, Hilfe suchende Fremde aufzunehmen.

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