Motorpsycho: Hinter der Sonne

Einer der letzten Tage im Januar. Draußen ist es schummrig. Hier in Trondheim wird es um diese Jahreszeit nie wirklich hell. Weiße Berge, Tannen, glasklares Wasser. Ich stehe auf dem Parkplatz eines Kindergartens. Draußen ist es kalt und sehr still. Es hat etwas von einer ewigen ­Stille. Diese Stille wird durch ein sehr vertrautes Geräusch durchbrochen: ein überlautes dumpfes Bassriff, das in einer Endlosschleife ertönt. Der angezerrte Bass ist so laut, dass die Fische im ­nahe gelegenen Trondheimfjord jetzt wach sein müssten.

Ein Geräusch, dem man sich nicht entziehen kann, das den Magen zum Vibrieren bringt. Ich folge dem Geräusch, dem meditativen Bass-Loop, und gehe in den leeren Kindergarten, durch den Flur, den Klängen entgegen, durch die Tür am Ende des langen Korridors, in den Proberaum von Motorpsycho. Hier, wo alles irgendwie immer beginnt. Zwischen Orange-, Hiwatt-, Sunn- und Marshall-Verstärker-Türmen proben Gitarrist Hans Magnus Ryan, Bassist Bent Sæther und Schlagzeuger Tomas Järmyr.
Ohne sie zu unterbrechen, setze ich mich still auf einen Stuhl mitten ins Sound-Inferno, das mich ummantelt.

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Motorpsycho. Gegründet 1989 in Trondheim/Norwegen. Die wichtigste, kompromissloseste Band in der norwegischen Rockgeschichte. Prog-Rock, Jazz, Pop, 40-minütige Rock-Epen, Country, Metal, Oper und immer wieder das Unberechenbare. 25 Alben in 30 Jahren, insgesamt 50 Releases. EPs, Live-Platten, CD-Boxen. Pur, ungeschmückt, perfekt unperfekt. Riffmonster, Hymnen, zärtliche Melodien. Etwas Großes, Beständiges, in dem man sich verlieren kann, ­ohne abhandenzukommen. Intensiv, die Verliebtheit im Zusammenspiel, das Harte, das Weiche. Motor­psycho, ein feuerspuckender Drache, der dich am Ende zärtlich umarmt und dir zur ­Belohnung einen heißen Kakao serviert.

Kooperation

Obwohl Motorpsychos neues Album, „The Crucible“, Mitte Februar erschienen ist und sie im Mai auf Tournee gehen, arbeiten sie in einem Hinterzimmer des Kindergartens schon an der nächsten Platte. Hier, hinter der Sonne, gegen die Dunkelheit. Fünf Tage in der Woche treffen sie sich drei bis vier Stunden, um an Songs, Skizzen, Fragmenten und Ideen zu arbeiten. Zum Kaffeetrinken, zum Diskutieren, zum Musikspielen. Manchmal legen sie noch eine Nachtschicht drauf.

Die Kompositionen von Bent Sæther entstehen meist erst in seinem Kopf, dann in seinem Zimmer. Manchmal schreibt er vielleicht nur eine Zeile, einen Chorus. Nimmt die Idee mit seinem Telefon auf und legt sie zur Seite, um sie dann mit der Band zusammenzufügen. Dazu wird die Aufnahme auf der Anlage im Proberaum abgespielt, und die Band fängt an, dazu zu spielen. Jeder gibt jedem den Raum, den er benötigt.

Die Telefonaufnahmen sind für Sæther eine Möglichkeit zu illustrieren, wie er den Song denkt, damit die anderen ein Gefühl dafür bekommen können. Jeder Schritt zum Song wird hier im Proberaum verfeinert, bis er im Studio festgenagelt wird. „Der Anfang eines Songs diktiert diesen dann, er entscheidet darüber, was er wird, und ich bekomme ein Gefühl für die Größe. Das ist die Aufgabe. Man schüttelt viel ab und formt es dann so lange, bis es sich richtig anfühlt. Es ist auch schon passiert, dass man einen Song zu früh aufnimmt. Was bedeutet, dass er noch nicht ganz entwickelt ist“, sagt Bent.

Motorpsycho

Im Moment haben Motorpsycho so viel unveröffentlichte Musik wie noch nie zuvor in ihrer 30-jährigen Bandgeschichte. Auch für die neue Platte gab es ursprünglich neun Songs. Nur drei haben es dann letztendlich auf das 45-­minütige Album geschafft. „Manche Lieder brauchen Zeit und den Kontext. Deswegen nur drei Songs. Die kurzen Songs hätten diese Platte irgendwie gestört – was nicht bedeutet, dass die Lieder schlecht waren“, erklärt Sæther.

„Das Ergebnis wird nie erzwungen, wir geben uns Zeit. Manchmal legen wir eine Idee auch zur Seite. Ist es richtig gespielt, fühlt es sich gut an. Wir bringen einfach alles mit in den Proberaum, kein Druck, kein Filter. Wenn man nichts macht, ist das auch okay. Es gibt keine Pflicht, ein Album auszuspucken. Je mehr wir als Band spielen, desto besser werden wir“, ergänzt Järmyr.

Motorpsycho sind wie eine unaufhaltsame Dampflok, die irgendwann abheben wird. ­Ryan ist der verrückte Dr. Emmett L. Brown, Järmyr der junge Marty McFly und Sæther Regisseur Robert Zemeckis, der das große Ganze im Auge behält.

Während Sæther das Stakkato-Bassriff auf seinem zweiköpfigen Danelectro-Double-DB604-Copper-Burst-Bass, der den namen „Oscar“ trägt, weitertreibt, tastet sich Ryan mit Solo-Improvisationen heran, und Järmyr trommelt um sein Leben. Tomas Järmyr stieß 2016 zur Band, nachdem Schlagzeuger Kenneth Kapstad ausgestiegen war. Wie groß das Ganze war, wurde ihm erst bewusst, als er die erste offizielle Show spielte. Dort sah er Freunde aus seiner ehemaligen Schule und erlebte ein Publikum, das manchmal so berührt war, dass es weinte. „Die waren so drin, und ich dachte, ich muss da etwas verpasst haben. Ich bin nicht damit aufgewachsen, aber Freunden von mir bedeutet das hier alles. Es bedeutet mir nach diesen drei Jahren auch sehr viel, aber natürlich kann ich das nicht aufholen.“

Während Bent Sæther die Doubleneck-Bass­gitarre zur Seite legt und sich ans Chamberlin-Mellotron setzt, kehrt kurz Ruhe ein, und er sagt: „Wenn man eine Band sein will, muss es sich ein bisschen so anfühlen, wie es war, als man 14 war und zusammen rumgehangen hat.“ Bei Motorpsycho hat man das Gefühl, dass sie sich selbst mit der Musik betäuben, dass genau das ihr Weg ist, um die Welt draußen auszuhalten. Jetzt spielt Sæther sanfte Akkorde auf dem Mellotron, während Järmyr das Glockenspiel hinterm Schlagzeug bedient. Sæther summt die Glockenspielmelodie mit. Tomas macht sich immer wieder Notizen auf seinem Block. Wankend und meditativ schwankend begleitet Hans das Ganze mit sanften Harmonien auf seiner Gitarre. Summen, Noten, Zurufe, Blicke. Benebelt von der Musik nicke ich auf meinem Stuhl ein.

„Wenn man eine Band sein will, muss es sich anfühlen wie mit 14, als man zusammen rumhing“

Das neue Album ist ein Wunder. „Crucible“ bedeutet Schmelztiegel, Feuerprobe, auch Umformung. Es erst schmelzen lassen, um es danach in eine neue Form zu gießen. Mehr Umformung? Ein komplett neuer Sound. Aufgenommen in Wales mit Andrew Scheps, der für seine Alben mit den Red Hot Chili Peppers, ­Adele und Ziggy Marley mit drei Grammys ausgezeichnet wurde, und Helge Sten aka Deathprod, einem langjährigen Wegbegleiter der Band. Beim Anhören des zweiten Songs, „Lux Aeterna“, ist er wieder da, dieser Motorpsycho-Moment, wenn sie einen Schritt weiter in neue Sphären gehen, einen neue Hörgewohnheiten erleben lassen.

Eine neue Komposition, die einem gleichzeitig vertraut vorkommt. Dieser Moment des Das-erste-Mal-­Hörens packt einen, sie kriegen diese Momente immer wieder hin. Am Anfang des Songs stehen die raue akustische Gitarre und Sæthers Gesang: „We die alone/ We are sentient then we’re gone/ ­Numbers and a name on a gravestone.“

Hinzu gesellt sich Ryans engelsgleiche crosby-­stills-&-nashige Stimme: „It ends today/ Take the pain away/ There’s nothing left for anyone to say.“ Dunkle Zärtlichkeit, die abrupt durch einen Trommelwirbel gebrochen wird, der sich in ein Break und Sæthers angezerrten Bass ­verwandelt – um dann zu einem übergroßen Rocksong zu werden. Järmyrs Schlagzeug ist überall, als würden zwei gleichzeitig wiederauferstandene Keith Moons nun gleichzeitig trommeln. Der Titeltrack übersteigt mit seinen 21 ­Minuten denn auch gängige Vorstellungskräfte, er ist wie vier Lieder in einem.

Eine Umformung. Riffs, Parts, Gitarren­wände, Streicher, Gesänge. Queens Of The Stone Age? Sonic Youth? The Who? Assoziationen, Anhaltspunkte, doch es sind Motorpsycho, ­eine musikalische Naturgewalt. Während man den Song hört, stellt sich das Gefühl ein, immer tiefer in sich selbst zu fallen. Motorpsycho umarmen ihre Gitarren, als wollten sie nie wieder loslassen, und ihre ­Musik umarmt uns.

Motorpsycho

Das Mellotron und das Glockenspiel sind verklungen, und ich bin wieder wach. Sæther hat sich seinen Bass umgeschnallt und spielt ein neues Riff, dem die anderen folgen. Motorpsycho live. Auch da unberechenbar. Einen Pool aus über hundert Songs auf jeder Tour im Gepäck, und jedes Konzert ist anders. Vielleicht auch der Grund, warum ihnen ihre Hardcore-­Fans, die sie liebevoll „Psychonauten“ nennen, seit Jahrzehnten hinterherpilgern, was sie gleichzeitig auch dazu bewegt, sich jeden Abend neu zu erfinden.

Sæther sagt, dass ihm etwas fehle, wenn er in den ersten Reihen kein bekanntes ­Gesicht sehe. ­Jeden Abend bis zu drei Stunden Musik. Eine zuverlässige Armee, Gitarre bei Fuß. „Im Alter braucht der Körper länger, um warm zu werden; wir brauchen länger, um dorthin zu kommen. Aber es ist nicht unsere Entscheidung – die ­Musik führt uns dorthin. Wir müssen mitgehen. Wenn die Musik bestimmt, fügen wir uns. Zusätzlich natürlich die Energie des Publikums. Das sind die Momente, für die du lebst, wofür du das Reisen, das Proben, das Aufnehmen in Kauf nimmst.“

Seit 30 Jahren. „Wir sind uns immer sehr einig gewesen in dem, was wir wollen und was wir nicht wollen, was gut war und was uns nicht so gut erschien. Ehrlichkeit. Wenn ich es nicht singen konnte, hab ich Hans gefragt, oder umgekehrt. Es geht ausschließlich darum, die Musik zum Laufen zu bekommen – no ego bullshit“, sagt Sæther, und Ryan ergänzt: „Wir leben es. Es ist mein Leben. Eine alte Freundschaft. Wir trafen uns früh, wir waren Kinder.“ Ihre musikalische Sozialisation, ihr Geschmack wurden am selben Tisch definiert, sie verehrten dieselben Platten. Das ist das Fundament von Motorpsycho. Und die Musik ist der Ort, an dem sie zusammenkommen.

Die Musik von Motorpsycho ist immer wieder brachial und dann wieder zerbrechlich. „Du brauchst das Gegengewicht. Du kannst nicht laut sein, ­ohne gleichzeitig sanft zu sein. Wir tragen unsere Gefühle auf den Sleeves. Es kann sein, dass es manchmal zu viel Emotion für die Leute ist. Aber wir können nicht anders: Unsere Musik ist aus dem Innersten empfunden, intensiv, sehr tief gefühlt“, sagt Bent.

Jetzt legen alle ihre Instrumente zur Seite und machen eine erste Pause, nach zwei Stunden Zusammen­spiel. Tomas isst sein selbst geschmiertes Erdnussbutterbrot, Bent nimmt einen Schluck Kaffee aus seiner Tasse mit der Aufschrift „Music is everything“, und Hans fummelt an seinen Effektgeräten herum. In diesem Jahr haben sie noch viel vor: Eine Tour im Frühjahr, sie produzieren in Frankreich das neue Album des norwegischen Singer-Songwriters Ole Paus, erfüllen sich einen lang gehegten Traum und spielen im Sommer gemeinsam mit Kiss. Außerdem wird es ein Motorpsycho-Bier geben, das in der E.C.-Dahls-Brauerei gebraut wird, die 400 Meter vom Proberaum entfernt steht. Und wahrscheinlich nehmen sie dann noch das nächste eigene Album auf.

Tangerine Dream, High On Fire, Grizzly Bear, Robert White, Magma, Rainbow, Roy Harper, My Bloody Valentine, Neil Young, Grateful Dead: Das sind die Bands, die sie mögen. Und auch bloß ­vage Anhaltspunkte. Wenn Sæther sich auf ein längst vergangenes Konzert zurückbeamen könnte, sagt er, wären es The Who am 14. ­Februar 1970 in Leeds und Kiss am 25. und 26. Januar 1976 in der Cobo Arena in Detroit. Ryan entscheidet sich für Hendrix und Soft Machine in der Royal Albert Hall am 18. ­Februar 1969. Dieser Tag ist Sæthers Geburtsdatum. Und es ist der Tag, an dem „In A Silent Way“ von ­Miles Davis aufgenommen wurde. Anhaltspunkte, wie gesagt.

Wir verabschieden uns, und ich gehe wieder hin­aus auf den Parkplatz, in den Schnee, die Stille und denke, dass es gar nicht so schlimm ist, dass die beiden nicht auf diesen spektakulären Konzerten von Kiss, The Who, Jimi Hendrix und Soft ­Machine waren, denn irgendwie kann man die Seele und Wucht der unerlebten Konzerte auf jedem Motor­psycho-Konzert noch einmal miterleben.

Pacific Press LightRocket via Getty Images
Julie Beck Fotografie/Foto: Frank Embacher/FKP Scorpio

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