R.E.M.s „Monster“: Gedanken zu einem ungeliebten Album


Nachdem der Sänger nach Wochen der inneren Einkehr seine Texte zu den schroffen Soundskizzen gefunden hatte, konnte sich Gitarrist Peter Buck kaum darüber einkriegen, was für scheußliche Figuren darin das Sagen hatten. Den Titel „What’s The Frequency, Kenneth“ entlieh Stipe dem Ausspruch eines verurteilten Mörders, der einen Nachrichtenmoderator belästigte. „Strange Currencies“ bohrte sich in das Gehirn eines „verliebten“ Stalkers. „I Took Your Name“ handelt scheinbar von einer Person, die psychisch erkrankt ist. Stipe fühlte sich in so viele Figuren ein wie auf keiner anderen LP der Band – und alle von ihnen scheinen irgendwie durch den Wind zu sein.

Es ist ein kleines Wunder, dass diese Platte trotz der in den Texten ausgebrüteten elenden Gestalten, von besessenen Teeangern bis eiskalten Psychopathen, einen positiven Grundton beibehält. Zweifellos weil Stipe seinem Personal mit Neugier und Einfühlungsvermögen begegnet, weil er in sie eingeht. Betrachtet man dieses empathische, künstlerische Verfahren, das auch queere Momente mit einschließt, mit der Brille unserer Zeit, in der postmoderne Identitätskonstruktionen längst außerhalb akademischer Kontexte diskutiert werden, zeigt sich, dass „Monster“ schon damals einen Schritt voraus war.

R.E.M. mussten ihren neuen Superstar-Status bestätigen

Nach dem letztlich unerwarteten Erfolg der 90er-Platten stiegen die Musiker in den in die Business-Class der Rockmusik auf, mit all den Folgen, die dies mit sich bringt. Lange hielt sich der Mythos, das „Monster“ vor allem als giftige Auseinandersetzung eines begabten Sängers mit den von Lügen und Märchen besessenen Medien und seiner seltsamen Rolle als androgyner Heiligenfigur des US-Indie-Rocks zu verstehen ist.

Schon früher musste er der Presseschar ins Stammbuch schreiben, dass nicht seine Gefühle gemeint seien, wenn es in den Texten der Band ein lyrisches Ich gibt. Zur Sicherheit legten R.E.M. ihren Singles nun die Songtexte bei. Etwas, das sie vor ihrer LP „Green“ nie getan hatten – und auch hier gab es nur die betörenden Zeilen von „World Leader Pretend“ zum Mitlesen, weil Stipe so stolz auf sie war.



Michael Stipe singt Gänsehaut-Fassung von „No Time For Love Like Now“

Wie immer hat Michael Stipe die richtigen Worte parat. In der Corona-Krise linderte er den Schmerz über eine stillstehende Welt mit seinem neuen Solo-Song „No Time For Love Like Now“. Am Dienstag (23. Juni) war der ehemalige R.E.M.-Frontmann nach einem Gastspiel in der „Late Show“ vor einigen Tagen erneut mit einem eigenen Song zu hören. In der „Tonight Show“ von Jimmy Fallon spielte er sein neues Lied - natürlich aus den eigenen vier Wänden. No time for breezy No time for arguments No time for love like now Dafür tat sich Stipe allerdings mit Aaron Dessner von The National bzw.…
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