Giganten des Stadion-Pop: Warum Genesis ab 1983 so groß geworden sind


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Peter Gabriel erfand die lustigen Bühnenmasken, den Batmankopf, den Blumenkopf und den Fuchskopf, den Verkleidungshumor für Rock-Bands. Aber es war Phil Collins, der etwas weiter blickte. Er erkannte, dass den drei verbliebenen Genesis-Musikern keine Prog-Kostüme geschneidert werden mussten. Sie sahen von Natur aus lustig aus. Ihr Style ab 1983 hat wenig mit ihrer Musik zu tun, darum soll es hier nicht gehen. Auch gibt es für Musiker keine Verpflichtung, andere zum Lachen zu bringen.

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Aber das Image von Genesis ’83, das den Graben zwischen der „Gabriel-Fraktion“ und der „Collins-Fraktion“ tiefer werden ließ, entstand mit dem „Genesis“-Album und dem Song „That’s All“. Das Video zeigt Collins, Tony Banks und Mike Rutherford als Vagabunden mit Dackelblick, die sich an einem Feuer wärmen, also im komischen Rollenspiel. Die 26. Single markierte ihren ersten Top-Ten-Song in den USA, vor allem aber ist „That’s All“, obwohl alle drei als Komponisten aufgeführt sind, ein Collins-Stück, also Pop: melancholisch, dennoch tanzbar, der Erzähler ist ein Tragikomiker. Die Tränen der Clowns.

Hier wurden Genesis zu Phil Collins. Ein Gefühl, bestärkt nicht nur durch die gestiegene Popularität des Sängers, der durch seine ersten Soloalben „Face Value“ (1981) und „Hello, I Must Be Going!“ (1982) größer als die Band zu werden drohte, die ihn einst als Schlagzeuger engagierte. Für diesen Shift war auch Hugh Padgham verantwortlich. Beim Genesis-Album „Abacab“ von 1981 fungierte er noch als Toningenieur. Bei Collins‘ „Face Value“ war er bereits Produzent, er kreierte den Gated-Reverb-Drumsound, jenen Schlag ohne matschige Hallfahne. Diesen Job sollte Padgham beibehalten, ab „Genesis“ war er für die nächsten Jahre ihr Produzent. Die Platten klangen nun nach Collins, und Collins wusste, dass er künftig Demut zeigen musste. Bei seinen Konzerten spielte er auch mal den einen oder anderen Genesis-Song. Dass Genesis wiederum ein Solo-Stück von ihm spielen, stand nicht zur Debatte.

Die Single „Mama“ war vereinnahmender als „That’s All“ – und auch gnadenloser. Angetrieben von einem Linn LM1-Drumcomputer und von einem Schlagzeug im dramatischen letzten Drittel verstärkt, erinnert das Lied an Collins‘ nur zwei Jahre zuvor veröffentlichten, ersten Welt-Hit „In The Air Tonight“. Es wirkte so, als ob Genesis fortan mit Material arbeiten würden, das Collins zwischen seinem Solo- und dem Bandkatalog verteilt, auch wenn bei „Mama“ ebenfalls alle drei als Songwriter vermerkt sind.

Der damals 32-jährige Collins alterte mit „Mama“ vor seiner Zeit. Das bewies er bei der diesjährigen „The Last Domino?“-Tour. So schlecht, so schwer vom Schicksal gebeutelt der 71-Jährige auch sang, sein unmenschlicher, aber auch geriatrischer „aha ha … oh“-Schrei, der im „Mama“-Songtext zur Platte nicht aufgeführt ist, weil es dafür keine wörtliche Entsprechung geben könnte, beherrschte er live so gut wie je.

Auf „Genesis“ würden bis heute nur noch zwei Alben mit Collins folgen (mit „Calling all Stations“ 1997 ein letztes der Band, mit Ray Wilson als Vokalist): „Invisible Touch“ von 1986 sowie „We Can’t Dance“ von 1991. Collins konzentrierte sich ab den mittleren 1980er-Jahren auf seine Solowerke, in denen er seelischen Ballast abwerfen, Eheprobleme abhandeln konnte, die Banks und Rutherford nicht tangierten. Dafür widmeten sich Genesis einer größeren, politischeren Agenda. Die Aufnahmen von „Invisible Touch“ wurden zwei Monate vor Tschernobyl abgeschlossen und zwei Monate danach veröffentlicht – kein Album des Jahres 1986 traf derart den Zeitgeist. „Domino“ erzählte vom Fallout, „Land of Confusion“ von einer Gesellschaft, die der nuklearen Aufrüstung gleichgültig gegenübersteht: „I won’t be coming home tonight / my generation will put it right / we‘re not just making promises / that we know we’ll never keep“.

Vielleicht wäre es mutiger gewesen, Genesis hätten auf das Video mit den „Spitting Image“-Puppen, das ihre grotesk verformten Köpfe neben denen von Kalter-Kriegs-Politikern wie Reagan und Gorbatschow präsentiert, verzichtet. Aber auch hier entschied sich die Band für Humor, erstmals für Satire. Dafür arbeiteten sie im selben Jahr am Soundtrack von „Wenn der Wind weht“ mit, der gar nicht lustigen Verfilmung des Raymond-Briggs-Comics über die Auswirkungen eines Atomschlags. Doch was waren die meistverkauften Scores des Jahres 1986? „Top Gun“ und „Rocky IV“ – Filme über amerikanischen Hurra-Patriotismus. Und eben jene „Supermen“, darauf wiesen Genesis in „Land of Confusion“ hin, gibt es nicht.

Clips wie „Land of Confusion“ machten es der Gabriel-Fraktion in ihrer Ablehnung des „Invisible Touch“-Albums nur leichter. Selbst die wohlmeinendsten Genesis-Fans tun sich schwer mit dem größten Erfolg des Trios, der in den USA bis auf Rang drei stieg und mit dem Titelsong ihren einzigen amerikanischen Nummer-eins-Hit beinhaltet. Das Werk, das die Meisten kauften, ist paradoxerweise auch das, dass die Meisten zu Abtrünnigen machte. „Invisible Touch“ – gefühlt ungeliebt. Das Plattencover zeigt einen orangefarbenen, schwarz gesprenkelten Handrücken, den man nicht berühren möchte.

Ex-Kollege Peter Gabriel erschien längst seriöser. Der Mann mit den Anliegen. Sein Album „So“ kam einen Monat vor „Invisible Touch“ heraus, und das Video seiner Single „Sledgehammer“, die „Invisible Touch“ in den Staaten von der Eins vertrieb, bietet keine Puppen, sondern Animationen mit Lehmfiguren in Stop Motion, was technisch versierter aussah. Dank einer absurd hochklassigen Parade von Gastmusikern erschien es so, als würde Gabriel mit „So“ das letzte Wort sprechen wollen: Kate Bush, Manu Katché, Stewart Copeland, Nile Rodgers, Daniel Lanois, Jim Kerr, Youssou N’Dour … eben „So“! Punkt.

Genesis 1986

Das Jahr 1991 brachte den Genesis-Golf, also eine Sonderedition des Autos, das vielleicht nicht jeder mag, aber auch keiner hasst, sowie das bis heute in Deutschland mit 2,5 Millionen Einheiten siebtmeistverkaufte Album aller Zeiten: „We Can’t Dance“. Die Volksmusik zum Volkswagen. Der Titel beschreibt eine leicht gezwungen wirkende, ironische Kapitulation vor Hipstertum und Tanzflächen-Trends, dabei war der Band-Dino, Tony Banks, gerade mal 41. Aber von Anfang an waren Genesis ja eher progressive als modern.

Drei der sechs Singles sind unterschätzt. „No Son of Mine“ beschreibt Missbrauch im Elternhaus; Collins sang über Andere, also ein Thema, für das es auf seinen Soloplatten wenig Platz geben könnte. „Jesus He Knows Me“ stellt Fernsehprediger bloß – wer im europäischen TV das Video sah, wurde mit der Tatsache konfrontiert, dass amerikanische Televangelisten tatsächlich „Touch the Screen“-Appelle an ihre Zuschauer richten, auf dass sie durch den Bildschirm göttliches Knistern verspüren; die Show-Einlage dachte Collins sich nicht aus. Außerdem suggerierte der Clip, dass Mike Rutherford in Klokabinen heimlich Männer küsst. Die Szene wurde später entfernt – Sex-Zensur, bei Genesis!

Und dann natürlich „I Can’t Dance“. Unglaublich, dass vorher keiner auf diese simple Bewegungsanordnung gekommen ist. Wie Crosstrainer, nur ohne Crosstrainer. Wie Skilaufen, nur ohne Skier. Ein Arm vor, ein Bein vor. Dann die andere Körperseite. Drei Leute synchron und im Gänsemarsch. Jeder, der den „I Can’t Dance“-Tanz auf Büroetagen-Partys sieht, weiß, dass er von Genesis stammt. Naheliegend wäre eine Formation von Collins, Banks und Rutherford nach aufsteigender Körpergröße gewesen, aber das hätte Collins, der sich von Fremden nicht mit Vornamen ansprechen lassen möchte und bis heute sauer auf McCartney ist, der ihn „little Phil“ nennt, nur als den Kleinen exponiert. Deshalb musste nicht Banks, sondern der Lulatsch Rutherford ins Zentrum des Dreiers. Das Video dürfte nicht vom Song „I Can’t Dance“ ablenken, tut es aber.

Natürlich, das tropfender-Wasserhahn-Geräusch, als durchgängiger Beat angelegt, foltert einen wie sonst nichts. Aber Rutherfords Riff gehört in den Kanon der großen Gitarrenmelodien, im Jahr 1991 gleichrangig mit Kurt Cobains „Smells Like Teen Spirit“, und ein Nachfolger von Mark Knopflers Einsatz in „Money For Nothing“ aus den 1980ern.

Genesis ab „Genesis“ – nicht so dolle? Die angebliche Mehrheitsmeinung muss man aushalten können. Aber bei ihrer „The Last Domino?“-Konzertreise entstammten dieser Schluss-Ära von 1983 bis 1991 ganze elf von 23 Stücken. Weil Genesis wissen, was die Leute wirklich hören wollen. Für alles andere gibt’s Steve Hackett.

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