Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Weeknd auf dem Land


von
Eric Pfeil
Eric Pfeil

Folge 234

Mit dem Thema Pop befasste Autorinnen und Autoren, die am Puls der Zeit agieren wollen, sind gut beraten, sich regelmäßig auf den neuesten Kenntnisstand zu bringen. Mein Tipp: täglich den Suchbegriff „Pop News“ in die Suchmaschine hacken. Schlagartig wird der staunende Leser in Glitzerwelten entführt, die Normalsterbliche niemals betreten werden.

Heute zum Beispiel führte die Suche Ihren Autor zu einem Artikel im „Schwarzwälder Boten“, wo folgende Headline lockte: „Deutscher Rock- und Pop-Preis: John Liedermann aus Horb sahnt bei der Preisverleihung ab“. Jedem nur halbwegs vernünftigen Menschen drängt sich hier natürlich eine Frage auf: Wo liegt Horb? Gut, im Schwarzwald, das ahnte man. Weiteres Forschen fördert zutage: Horb liegt am Neckar und wird auch als „Tor zum Schwarzwald“ bezeichnet.

Derart informiert kann man sich nun weiter in den Artikel vertiefen, der im Wesentlichen davon kündet, dass der erwähnte John Liedermann mit seinem Album „Neue Deutsche Schwelle“ (!) gleich in zwei Kategorien absahnen konnte und dass das Werk „einen guten Mix aus ruhigeren Liedern und nachdenklichen Songs mit Karacho“ bereithält.

Da behaupte noch einer, in der Provinz könne keine Popmusik von Welt gedeihen. Apropos Provinz. Neulich lief ich im strömenden Regen durch Neuenkirchen-Vörden. Fragen Sie nicht. Es hatte sich so ergeben.

Zweierlei ließ sich feststellen. Erstens: Neuenkirchen-Vörden zählt zu jenen Orten, die sich keinen Regen leisten können. Zweitens: Neuenkirchen-Vörden zählt zudem zu jenen wenigen Orten, die komplett ohne popmusikalischen Bezug auszukommen scheinen. Nicht einmal Sarah Connor wurde hier geboren.

The Weeknd und die Provinz

Da kam mir eine Nachricht meiner Tochter gerade recht: „Check mal das neue Weeknd-Album und schreib Lieblingstrack.“ Perfekt, dachte ich, endlich verdonnert mich mal wieder jemand dazu, mich mit einem millionenfach verkauften Mainstream-Produkt auseinanderzusetzen, es geht doch nichts über die eigene Verwandtschaft.

Ich setzte also die Kopfhörer auf und hörte. Mir gefiel dabei die Vorstellung sehr, etwas zu tun, das mutmaßlich sehr viele Jugendliche in Neuenkirchen-Vörden tagtäglich tun und – verlockender noch – was ich bis etwa zu meinem 15., 16. Lebensjahr selbst ständig tat: sinnlos durchs Dorf laufen und dabei ein Nummer-eins-Mainstream-Album mit ein paar herausfordernden Ecken hören, hinter denen irgendwelche neuen Möglichkeiten aufklappten.

Ich war mir sicher: Neuenkirchen-Vörden und das The-Weeknd-Album würden in einen hochinteressanten Austausch treten, dem sich spektakuläre Erkenntnisse abgewinnen lassen würden. Das Album gefiel mir gut: Sehnsuchtssynthies seufzten vor sich hin, Reste zeitgenössischer R’n’B-Sounds wummerten und frizzelten dazu, und der Gesang klang, als wäre da jemand als Kind in den Auto-Tune-Topf gefallen. Ein soundgewordenes Lollipop-Land, in dem alles klingt wie das akustische Gegenstück zu einer Pixar-Animation.

Das Album doof zu finden war ohnehin keine Option, schließlich war die Tochter ja Fan und man wollte nicht wie irgendein Sad Dad rüberkommen, der sich während des Hörens ungeduldig darauf freute, zu Hause im Ohrensessel zur vorletzten Teenage-Fanclub-Platte wegzudösen. Auf die Texte konnte ich mich nicht konzentrieren, wahrscheinlich ging es aber meistens, wie fast immer heutzutage, um irgendetwas Toxisches oder um Depressionen.


Mehr Kolumnen von Eric Pfeil


Was mich aber wirklich erstaunte: Das Weeknd-Album und Neuenkirchen-Vörden wollten so gar nicht in ein auch nur halbwegs interessantes Spannungsverhältnis treten. The Weeknd blieb einfach The Weeknd, und Neuenkirchen-Vörden …Nun ja.

Woran aber lag das? War das Album letztlich doch zu öde – oder war Neuenkirchen-Vörden mit seiner niedersächsischen Provinzpower dann doch zu stark? Lag es am Regen? An Teenage Fanclub? Oder – nicht auszudenken! – an mir? Hatte es irgendwas mit 2022 zu tun? Ratlosigkeit.

Die vorläufige Lösung: Ich werde die Platte in zahlreichen anderen ländlich gelegenen Gemeinden ausprobieren. Nächster Halt: Horb. Ach ja, mein vorläufiger Lieblingstrack: „Less Than Zero“.