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Konzertkritik: Rammstein in Moskau – Wenn 81.000 Russen „Deutschland“ brüllen

Vor dem Luschniki-Stadion im gleichnamigen Moskauer Stadtteil steht eine Statue von Lenin, die jeder Besucher kurz nach der Waffenkontrolle passiert. Das kommt nicht von ungefähr: Zu Zeiten seiner Eröffnung hieß das Stadion noch W. I. Lenin-Zentralstadion. Dort, wo am 31. Juli 1956 die Fußballteams der Sowjetunion und der Volksrepublik China gegeneinander spielten (der Gastgeber gewann mit 1:0), geschah 63 Jahre später etwas, das zu Zeiten des Baus nicht vorhersehbar war:  Menschen fanden sich in einem Stadion (Kapazität: 81.000 Personen) zusammen, um mit vollem Enthusiasmus „Deutschland“ und andere Refrains einer deutschen Band zu mitzusingen.

 

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Besondere Beziehung

Rammstein und Russland hätten heute – so hört man zumindest oft – eine spezielle Beziehung. Besonders fanatisch seien die Fans, außergewöhnlich frenetisch der Jubel – und natürlich passt das vermeintlich Martialische, Bombastische der Band auch hervorragend zu Moskau. Der russischen Hauptstadt widmete die Band 2004 auf dem Album „Reise, Reise“ sogar ein eigenes Stück. „Moskau“ sollte an diesem Abend jedoch nicht Teil der Setlist sein, Lokalkolorit hin oder her. Die Songauswahl für die russische Hauptstadt unterscheidet sich nicht von den anderen Konzerten – zu durchgetaktet die Dramaturgie der überdimensionalen Show, um hier noch schnell etwas zu ändern. Das Luschniki-Stadion ist, wie die meisten anderen Stadien dieser Tour, ausverkauft. Eigentlich war es geplant, in der deutlich kleineren VTB-Arena zu spielen, jedoch wurde das Konzert aufgrund immenser Nachfrage hochverlegt.

Schwarzer Rauch

Um sich die Wartezeit vor dem Konzert zu vertreiben, jagt das Publikum eine La-Ola-Welle nach der anderen über die Stadiontribünen. Russlandfahnen sind keine zu sehen, Deutschlandfahnen gezählte zwei Stück. Es geht frenetisch, aber gesittet zu – was wohl auch auf die hohe Präsenz an Sicherheitspersonal und Polizei zurückzuführen ist. Um 19:30 Uhr eröffnet das französische Duo Jatekok mit seinen klassischen Klavier-Interpretationen des Rammstein-Backkatalogs den Abend. Eine beinahe andächtige Stimmung, die das russische Publikum vor allem dann mit Jubel unterbricht, wenn es die Stücke gleich erkennt. Dazwischen gibt es für ein Stadion etwas Ungewohntes: stille Momente. Auch zwischen der Vorband und dem Main Act gibt es keine Musik vom Band.

Als Rammstein schließlich nach dem Intro („Music For The Royal Fireworks“) auf die Bühne kommen, reizen sie ebenfalls nicht gleich die volle Dynamik aus, sondern eröffnen mit dem Midtempo-Stück „Was Ich Liebe“. Schwarzer Rauch qualmt aus den Lautsprechertürmen, so, als würde in der Sixtinischen Kapelle ein neuer Papst gewählt.  Gleich darauf darf das Stadion „Links 2-3-4” mitbrüllen. Die Band hat es mit der Lautstärke allzu gut gemeint: Sogar in den hintersten Reihen hat man ständig das Gefühl den Maximalpegel erreicht zu haben.

Das Geschehen auf der Bühne ist bekannt: Lindemann grillt einen Kinderwagen mit dem Flammenwerfer, zwingt Keyboarder Flake in den Kochtopf und schießt weißes Konfetti aus einer Penis-Kanone. Es raucht, knallt und brennt an allen Ecken und Enden – und je mehr es raucht, knallt und brennt, desto größer ist natürlich auch der Jubel. Wenn es dann noch ein paar streng klingende, aber leicht auszusprechende deutsche Wörter und Phrasen zum Mitsingen gibt, dann ist die Stimmung am Siedepunkt – und das ist sie an diesem Abend in Moskau vor allem in der zweiten Hälfte des Konzerts nahezu permanent. Als Verschnaufpause gibt Romantik im Smartphone-Lichtermeer („Diamant“).

Ein ganzes Stadion brüllt „Deutschland“

Nach dieser Ballade wechselt Gitarrist Richard Kruspe ans DJ-Pult. Seine Kollegen werden indes dank Leuchtdioden zu LED-Robotern. Aus dem martialischen und im Vorfeld viel diskutierten Stück „Deutschland“ wird ein Industrial-Dance-Track mit Robodance-Einlage. Irgendwie ulkig. Der russische Konzertbesucher neben mir runzelt die Stirn, als versuche er gerade einzuordnen: Anspielung auf Kraftwerk? Komischer, deutscher Humor? Doch keine Deutschland-Chöre in Russland? Dann spielt die Band das Lied dann aber doch auch in der Originalversion – und so brüllt das Moskauer Luschniki-Stadion an diesem Abend aus voller Brust den Namen des Gastlandes.

Noch textsicherer sind die Russen wenig überraschend bei „Du Hast“ gegen Ende des regulären Sets. „Sonne“ und „Ohne Dich“ werden ebenso frenetisch abgefeiert. Für eine Piano-Version von „Engel“ treibt es die Band schließlich quer durch das Stadion auf die kleine Extra-Bühne. Dort wartet bereits der Support-Act Jatekok. Anschließend geht es mit dem Schlauchboot zurück über die Köpfe des Publikums auf die Bühne, Kruspe schreibt und verteilt Autogramme.

Der Rammstein-Kuss

Politische Statements? Fahnen wie in Polen gab es keine. Aber dafür etwas, das noch deutlicheren Support für die LGBTQ-Community ausdrückte: einen Kuss zwischen zwei Rammstein-Musikern.

Eine Aktion, die klar macht, dass Rammstein Übergriffe gegen die LGBTQ-Gemeinde in diesem Land verurteilen:

Für zwei Zugabenblöcke mit insgesamt fünf Songs kommt die Band noch einmal zurück. „Ich will in Beifall untergehen”, singt Lindemann im letzten Stück „Ich Will“. Natürlich knallt, brennt und raucht es auch hier noch einmal ordentlich. Ohrenbetäubender Beifall. Rammstein in Moskau – das war wenig überraschend eine Punktlandung, ein grandioses Stadionspektakel.

Draußen empfängt die Konzertbesucher schließlich nicht nur wieder die Statue Lenins, sondern auch ein riesiges Polizeiaufgebot (darunter zahlreiche berittene Polizisten), das sich vom Ausgang bis zur U-Bahn-Station erstreckt.

Die Setlist

  1.  Intro (Music For The Royal Fireworks, Tape)
  2. Was ich liebe
  3. Links 2-3-4
  4. Tattoo
  5. Sehnsucht
  6. Zeig dich
  7. Mein Herz brennt
  8. Puppe
  9. Heirate mich
  10. Diamant (Oli, Flake, Till)
  11. Deutschland (Remix von Richard Z. Kruspe)
  12. Deutschland
  13. Radio
  14. Mein Teil
  15. Du hast
  16. Sonne
  17. Ohne dich
  18. Engel (mit Duo Jatekok)

Zugabe:

  1. Ausländer
  2. Du riechst so gut
  3. Pussy

Zugabe 2:

  1. Rammstein
  2. Ich Will


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