So wurden die Rolling Stones zur besten Live-Band der Welt

So wurden die Rolling Stones zur besten Live-Band der Welt

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Geübt wurde im Bricklayers Arms, nicht unten im Pub, sondern die Treppe rauf, in einem umfunktionierten Abstellraum. Ian „Stu“ Stewart hatte sein Piano hochgewuchtet, Brian Jones und Keith Richards nutzten kleine, zerschossene Amps, die dem Wirt gehörten, Mick Jaggers Harmonica schien mit ihm verwachsen. Man übte tagsüber, stundenlang, denn abends erwachte der Sündenpfuhl ­Soho, alles wurde mondäner, glitzernder, teurer. Und Geld war für diese Jungs etwas, das anderen gehörte. Während sich also nebenan Stripperinnen und Straßen­mädchen für die Nachtschicht zurechtmachten, mühten sich die blutigen Anfänger nach Kräften, ihren Instrumenten Töne zu entlocken, wie sie ihnen von Platten vertraut waren. Hin und wieder unterbrach Stu sein Boogie-Woogie-­Gehämmer und ging zum Fenster, um sich zu vergewissern, dass sein Fahrrad noch da war. „Wir probten ewig für unseren ersten Gig“, wie Keith freimütig gestand, „hatten aber weder einen Bassisten noch einen Drummer. Konnten wir uns nicht leisten.“

Soho war Brutstätte diverser Musik­szenen. Hier hatte in den Fifties der Rock’n’Roll eine britische Filiale eröffnet, in der 2i’s Coffee Bar, nur einen Steinwurf entfernt vom Bricklayers Arms. Auch Freunde des Skiffle und des Trad-Jazz kamen hier auf ihre Kosten. Blues war noch neuartig, 1962 aber schon dabei, das heißeste neue Ding in London zu werden. Gestandene Mu­siker wie Alexis Korner und Cyril Davies veranstalteten Blues-Workshops und luden jugendliche Adepten zu sich auf die Bühne, vor Pu­blikum zwar, aber ungezwungen, in lockerer Atmosphäre. Brian, Mick und Keith hatten die Gunst mancher Stunde für solche individuellen Showcases schon genutzt, Bühnenerfahrung gesammelt und andere Jugendliche mit ähnlicher musikalischer Gesinnung kennengelernt. Reger Austausch über das personelle Angebot auf dem einschlägigen Musikermarkt führte schließlich zum Ziel. Bill Wyman und Charlie Watts heuerten an, beide eher skeptisch in Bezug auf Bandgefüge und Erfolgsaussichten, aber willens, der Sache immerhin eine Chance zu geben, für ein paar Wochen.

Ereignisreiche Wochen

The Rollin’ Stones, benannt nach einem Song von Muddy Waters, ließen keine sich bietende Gelegenheit aus, aufzutreten. Oft übernahmen sie die Rolle von Pausenfüllern für etablierte Acts, auch in ausgewiesenen Jazz-Clubs. Das ging nicht lange gut, führte zu Spannungen, sobald die Platzhirsche merkten, dass ihnen das Wasser abgegraben wurde von diesen dahergelaufenen Rotzlöffeln. „Die Jazz-Typen übten sich in Schulterschluss, sie fühlten sich bedroht und reagierten bösartig“, erinnert Keith. Mick ergänzt: „Die Trad-Leute waren sehr konservativ und snobistisch, nicht unbedingt viel älter als wir, aber mit einer Vorliebe fürs Gepflegte und Moderate. Wir müssen denen vorgekommen sein wie eine marodierende Räuberbande.“ Abgestimmt wurde an der Abendkasse, und da den Club­betreibern die Einnahmen mehr am Herzen lagen als alte

Seilschaften, schlugen sie sich mehrheitlich auf die Seite einer Band, von der außerhalb Londons noch kaum jemand gehört hatte. Das allerdings änderte sich schnell. Ein Headliner-­Auftritt jagte den nächsten, im Marquee oder im Ealing Club. Das Crawdaddy im Station Hotel von Richmond machte die Stones zur Hausband, buchte sie regelmäßig für einen längeren Zeitraum. Club­betreiber Giorgio Gomelsky zahlte gut: ein ganzes Pfund pro Musiker zuzüglich einer Beteiligung am Ticketverkauf. „Uns dämmerte langsam, dass diese Band eine Zukunft haben könnte über den laufenden Monat hinaus“, so Bill. „Wir hatten uns eine Reputation erspielt, der Laden ­brummte.“ Weil das begeisterte Publikum wiederkam, begannen die Stones das Set zu variieren, sich gelegentlich auch in Improvisation zu üben. Songs bewunderter Blues-­Pioniere wie Muddy Waters oder Jimmy Reed bildeten gewöhnlich das Gerüst, der Stil orientierte sich am Chicago Blues, aufgeladen mit nervöser Energie und jugendlichem Bravado. Zwanzig Minuten hätten sie mitunter etwa einem einzigen Song von Bo Diddley gewidmet, den Groove ausgekostet und die Menge geradezu hypnotisiert, erinnert sich Bill. „When we ­played, it was the most magical thing you could imagine … Just fantastic!“

Zu dieser Meinung gelangte auch ein gewisser Andrew Loog Oldham, der auf Anraten eines Musikjournalisten nach Richmond pilgerte. Er war selbst erst 19 Jahre alt, aber immens ehrgeizig. Vom turbulenten Auftritt der Stones und ihrem Rapport mit der enthusiasmierten Menge war er so beeindruckt, dass er sich der Band prompt als Manager empfahl und in dieser Eigenschaft fortan alles daransetzte, seiner gleichaltrigen Klientel Publizität zu verschaffen. Darin hatten die Beatles einen Vorsprung von einem guten halben Jahr. Liverpool schien entlegen aus Londoner Perspektive, Merseybeat wurde an der Themse nicht so recht ernst genommen, jedenfalls nicht in Blueskreisen. Aber das Quartett aus dem Norden konnte bereits zwei Singles vorweisen, einen kleinen Hit mit dem Titel „Love Me Do“ sowie einen recht respektablen, „Please Please Me“, und die Presse schenkte der Beatgruppe ­eine Menge Aufmerksamkeit, nicht nur ihrer putzigen Haartracht wegen. Also staunten die Stones nicht schlecht, als die Beatles im Sta­tion Hotel auftauchten und sich direkt vor der Bühne postierten. „We ­were all going: Fuck, that’s the fucking Beatles!“, erzählt Bill Wyman. Es war der Beginn einer wechselvollen Freundschaft und zugleich der popgeschichtsträchtigsten Rivalität schlechthin.

Die Rolling Stones verwirrten ihr Publikum

Für die ersten Tourneen mussten die Stones ihre Komfortzone verlassen; statt für eine Blues-affine In-Crowd spielten sie in der Provinz vor eher ahnungslosen, konsternierten Kids, im Vorprogramm von Brian Poole & The Tremeloes, unter dem Banner „Southern Sounds ’63“. Die Kunde von der kommenden Sensation war noch nicht in allen Landesteilen angekommen, die konfrontativ-­rabaukige Show der Stones befremdete. Noch gab es die Piratensender nicht, die schon bald dafür sorgen sollten, dass das Informations­gefälle zwischen London und Leeds ausgeglichen wurde. Die Reviews der Lokalpresse ließen sich über arrogantes und flegelhaftes Benehmen auf der Bühne aus, der Ton war herablassend bis gehässig. Ein Reporter wusste von „­five awe­some apes“ zu berichten, „who perpetrated fearful musical onslaughts“. Großbritannien war, so viel wurde schnell klar, noch nicht reif für die Rolling Stones.

Doch im Spätsommer ’63 tourten die Stones als Einheizer für die Everly Brothers und Bo Diddley, nebst einer Reihe britischer Bands. Auf dem Tourplakat wurden sie an drittletzter Stelle geführt, in kleinen Lettern. Zeit hatten sie nur für zwei Songs, also spielten sie „­Come On“, ihre erste Single, und „Memphis, Tennessee“, weil dieser aktuelle Hit aus Amerika bestens in den Rock’n’Roll-Rahmen der Package-­Tour zu passen schien. „Es war ­eine enorme Umstellung für uns, statt zwei Stunden nur zwei Nummern zu spielen“, erinnert Mick, „aber wir kamen gut an, so gut, dass es die Everlys wurmte, weil sie nach uns dran waren und es damit verdammt schwer hatten.“ Eine Einschätzung, die der Kritiker des „South­end Standard“ bestätigte, wenn auch verächtlich: „We couldn’t give a verdict on the Stones, the up-and-coming young group with the cave­man hairstyles, because we hardly understood a word they sang, but the teenage girls screamed.“

Rund ein Jahr hatte es gedauert vom ersten Support-Gig bis zur ersten UK-Tour als umjubelte Hauptattraktion. Auch die größten Venues waren ausverkauft, die Rolling Stones brauchten neue Ziele. Das gelobte Land rief, die niemals versiegende Quelle ihrer musikalischen Inspiration: Amerika.
„Wir befürchteten, mit Argwohn empfangen zu werden, weil wir uns doch amerikanische Musik angeeignet hatten, so Mick. „Wir freuten uns aber andererseits auf Fachsimpeleien mit Kollegen und Fans. Wir waren versessen darauf, noch mehr über unsere Musik zu erfahren, doch wir trafen fast überall auf Ignoranz und völliges Desinteresse.“ Eulen nach Athen? Nein, Blues fand im Herkunftsland nicht mehr statt, weder im Radio noch in anderen Medien. „Es war ernüchternd“, berichtete Keith. „Am meisten schockierte mich, dass auch die Schwarzen nichts mit Blues anzufangen wussten. Du hast Namen wie Slim Harpo oder Elmore James ins Gespräch gebracht und Achselzucken geerntet, selbst bei Musikern.“

Bill Wyman, Brian Jones (1942 - 1969), Mick Jagger und Keith Richards
Bill Wyman, Brian Jones (1942 – 1969), Mick Jagger und Keith Richards

Die amerikanischen Medien hassten die Stones

Der Empfang auf dem Flughafen in New York, wo der Polizei-­Kordon die kreischenden Fans nicht zurückhalten konnte, weckte falsche Erwartungen. Die British Invasion war zwar in vollem Gange, und in den US-Charts waren UK-Produktionen dabei, die Vorherrschaft zu übernehmen, doch formierte sich eine Gegenbewegung, die in der Wahl ihrer Mittel nicht zimperlich war. An die medialen Missfallensbekundungen in England hatten sich die Stones gewöhnt, die Rolle der Outcasts gern angenommen, ja kultiviert, aber was ihnen vonseiten der amerikanischen Medien entgegenschlug, war nicht bloß Hohn und Häme, sondern oft auch unverhohlener Hass. Die Stones wurden als Barbaren bezeichnet; die Staatsmacht möge einschreiten gegen „diese schändliche Zurschaustellung triebhafter Exzesse“. Und die Polizei war tatsächlich fast immer dabei, wenn die Rolling Stones ­eine Stadt heimsuchten. Als Drohkulisse auf der Bühne, angeblich um bei Ausschreitungen einschreiten zu können, wie zum Beispiel Anfang Juni ’64 in San Bernardino, wo der örtliche „Telegraph“ anderntags dankbar feststellte: „It was a good job the sheriff’s office riot squad ­were there.“

Im Stones-Camp reagierte man zunehmend gelassen auf übereifrige Ordnungskräfte, nur als während eines Auftritts in Texas geschossen wurde, zeigte man Nerven. Dabei waren die Schüsse bei dem tumultuarischen Konzertlärm nicht zu hören gewesen, wie John Peel, der damals zugegen war, in seiner Autobiografie schrieb. Ungezügelt und wild sei es zugegangen bei diesen Gigs, bestätigen auch andere Dabeigewesene. Brian Jones formulierte es damals von seiner Warte aus: „­Some groups give performances, but we have a rave. A mad, swaying, deafening, sweating half-hour of tension and excitement, which ­gives us just as big a kick as the kids.“

„Es war reaktiv, in gewisser Weise trotzig“, gab Mick zu Protokoll. „Je mehr die Medien auf uns einprügelten, desto frenetischer wurden wir gefeiert. Was aber nicht heißt, daß wir uns gern beleidigen ließen.“ Keith, inzwischen beinahe 20 Jahre alt, assistierte: „Negroes are the ­only ones here who haven’t ­made fun of us. They accept us.“ Und damit meine er nicht respektierte Musiker wie Muddy Waters oder Chuck Berry, die sich anerkennend über die Stones äußerten, vielmehr gewöhnliche Leute, die etwa Anstoß genommen hätten an Dean Martins berüchtigter Schmähung. „Die Rolling Stones, sind sie nicht großartig?“, hatte der Showmaster in seiner TV-Sendung gedröhnt. „Aber ich verrate Ihnen mal was: Man hat bei diesen Musikgruppen ja immer den Eindruck, sie hätten lange Haare. Gar nicht wahr, das ist eine optische Täuschung. Sie haben bloß ­eine niedrige Stirn und hohe Augenbrauen.“ Er hätte dem Schmierlappen seinerzeit am liebsten das Maul gestopft, räumte Andrew Loog Oldham später ein, doch habe sich die grobe Beleidigung in Sachen Public Relations als Segen erwiesen. „Es war plötzlich wie zehn Jahre zuvor bei Elvis: Auf welcher Seite stehst du, bist du pro oder kontra? Es gab keine neutrale Zone mehr.“

Die Stones beim Super Bowl 2006
Die Stones beim Super Bowl 2006

„They ­looked like freaks“

Den Sehnsuchtsort Amerika erlebten die Stones als Wechselbad aus Euphorie und Enttäuschung. „Unsere Musik kam von dort, ­alle unsere Helden lebten dort“, erklärte Bill Wyman. „Amerika ­übte ­eine ungeheure Anziehungskraft auf uns aus, wir hatten uns wahnsinnig dar­auf gefreut, amerikanisches Radio zu hören und so viele Lieblingsplatten aufzutreiben wie nur möglich.“ Sie hätten großartige, unvergessliche Erlebnisse gehabt, nicht zuletzt im Rahmen ihrer Aufnahmen in den Chess-­Studios von Chicago, an der Seite leibhaftiger Idole. „Das war heiliger Boden für uns“, betonte Keith, „und wir nahmen in diesem Studio, aus dem alles kam, woran unser Herz hing, 14 Tracks auf, an zwei Tagen“. Dabei hatten die Studiobetreiber, die Brüder Leonard und Phil Chess, durchaus eine Weile gebraucht, um sich an den Anblick der jungen Engländer zu gewöhnen. „They ­looked like freaks“, kommentierte Phil, „and they were drinking whiskey out of the bottle.“

Nein, es lässt sich nicht behaupten, die Liebe der Stones zu Amerika wäre gleich erwidert worden, ganz sicher nicht von der Presse und noch weniger von der Polizei. Keith Richards verfügt über einen riesigen Vorrat an Anekdoten, in denen Cops tragende Rollen spielen. Nicht alle drehen sich um Drogen, eine bloß um Coca-­Cola. „Whiskey“, hatte Keith allerdings auf die Frage eines Polizisten geantwortet, was er da trinke, spaßeshalber. Doch der Cop meinte es ernst, als er ihn aufforderte, den Inhalt seines Bechers in den Ausguss zu kippen. Keith weigerte sich, beteuerte, es sei wirklich nur ­Coke, und blickte in den Lauf einer Pistole. „Derlei Vorfälle häuften sich“, so der Gitarrist. „Die US-­Staatsgewalt und die Stones gerieten regelmäßig aneinander, von Anfang an.“

Die anschließenden Gastspielreisen im Vereinigten Königreich und auf dem europäischen Kontinent verliefen ähnlich turbulent. Wohin die Stones auch kamen, ihr Ruf als Bürgerschrecke und Unruhestifter war ihnen vorausgeeilt, Großaufgebote der Polizei standen bereit, zu Fuß und beritten, Wasserwerfer kamen zum Einsatz, und sensations­geile Zeitungen lieferten ­dazu die passenden Schlagzeilen. Das berühmte Statement von Tom ­Wolfe, wonach die Beatles nur Händchen halten, die Stones aber die Stadt niederbrennen wollen, entbehrte nicht eines wahren Kerns, wurde über die Jahre aber zur selbsterfüllenden Prophezeiung. „Die gefährlichste Band der Welt“ („The ­Times“) habe eine „Schneise der Verwüstung“ („Daily Telegraph“) hinterlassen, stand geschrieben, die musikalischen Darbietungen wurden nur gestreift.

Die Rolling Stones im Rock'n'Roll Circus
Die Rolling Stones im Rock’n’Roll Circus

Schwierigkeiten Anfang der 70er

Im Sommer ’64 hatte es in Blackpool mächtig Randale gegeben, ein Jahr später wurde die Berliner Waldbühne von aufgebrachten Fans zerlegt. Eine Auflistung aller Krawalle bei weltweiten Auftritten der Band würde Seiten füllen, doch 1969 fand die Sturm-und-Drang-Periode der Stones ein jähes Ende. Brian ­Jones starb unter bis heute ungeklärten ­Umständen, im Hyde Park wurde ihm vor Hunderttausenden tributiert, friedlich, ja feierlich. Wenige Monate danach verabschiedete sich die Dekade in Altamont, in feindseliger Stimmung, mit mörderischer Konsequenz. „In 1969, ­there ­were no cops“, erinnert sich Keith. „All the cops were in Vietnam“.

Die Live-Shows der Rolling Stones waren über die Jahre permanenten Veränderungen unterworfen, zum einen Teil bedingt durch die wachsenden Probleme der Projektion in immer größeren Arenen, zum anderen aufgrund der stürmischen musikalischen Entwicklung der Band. Vom bodenständigen Blues nach Reinheitsgebot bis zum massentauglichen Abfeiern adrenalinpumpender Welthits war viel Wasser die Themse hinuntergeflossen, doch standen die ­Stones zu Beginn der Siebziger vor der Schwierigkeit, beides mitein­ander zu versöhnen. Mick Taylor, der schüchterne junge Gitarrist, der Brians Nachfolge angetreten hatte, kam vom Blues und fühlte sich auf der Showbühne eher unwohl.

Dennoch gelten die Tourneen mit Taylor im Rückblick mit einigem Recht als kreative Hochphasen, musikalisch wie dramaturgisch. Die ’72er Tour durch Nordamerika geriet zum Triumphzug, Mick Jagger stand nun mehr noch als bisher im Rampenlicht, „seine Bühnenpräsenz hielt alles zusammen“, so Charlie Watts. Ein paar Jahre zuvor hatte sich der Stones-­Sänger bei Little Richard und James Brown ein paar Bewegungen abgeguckt, hatte gelernt, sich nicht fortwährend am Mikroständer festzuhalten und stattdessen tänzelnd die gesamte Bühne zu erobern. Jaggers Körpersprache war inzwischen so unverwechselbar wie seine Gesangsstimme. Jahrzehnte später sollten seine Body-­Moves gar zum Thema eines Erfolgssongs werden, wenn auch eines ziemlich nervtötenden. Seinerzeit, 1972, schien das Nonplusultra einer Rock’n’Roll-­Show erreicht, Auguren sahen die Zugkraft der Band im absoluten Zenit. „They are the biggest draw in the history of mankind“, wusste Promoter Bill Graham, und das könne man nicht mehr steigern.

Mick Jagger (1975)
Mick Jagger (1975)

Von Saalbeschwörern zu Massendompteuren

Zumal es mit der Bandchemie nicht zum Besten bestellt war. Taylor stieg aus, völlig überraschend, einfach so. Ron Wood bekam den „Traumjob“, den er „unbedingt haben wollte“, seit ihn seine Lieblingsband 1963 in einem Londoner Club elektrifiziert hatte. Doch war Woody aus anderem Holz geschnitzt als sein Vorgänger, als Musiker wie als Mensch. „Es war wie ein Neuanfang“, kommentierte Charlie. „Er brachte frischen Schwung ins Stones-­­Getriebe, er und Keith verstanden sich sofort prächtig.“ Die erste Studio-LP mit dem neuen Gitarristen, „­Some Girls“, avancierte 1978 zur bis dahin bestverkauften, die Ticketnach­frage für die folgenden Konzerte sprengte ­alle Rekorde. Es gab nur einen Weg, diese Nachfrage zu befriedigen: den Weg ins Stadion.

Die Manie des Rock­’n’Roll schlug um in Gigantomanie, die ­Stones mutierten von Saalbeschwörern zu Massendompteuren unter freiem Himmel, die Logistik wurde komplizierter, die Bühnenbauten immer monumentaler, die Tickets entsprechend teurer. Kritik an solchen Großveranstaltungen vor Zigtausenden wurde schon vor bald 40 Jahren laut. Die Eintrittspreise seien unerschwinglich, hieß es, doch fanden die Tickets reißenden Absatz. Die Bandmitglieder ließen sich mit bloßem Auge nur erkennen, sofern man einen bühnen­nahen Platz ergattern könne, aber vorn an der Bühne drängten sich die Konzertbesucher besonders eng.

Im vergangenen Jahr gastierten die Rolling Stones auch wieder hierzulande, unverwüstlich, in Stadien und weiträumig abgesperrten Parks. Die Bühnenarchitektur war beinahe sachlich, es wurde auf Gimmicks wie aufblasbare Figuren und anderen Schnickschnack verzichtet. Auf vier monolithische Türme wurde das Bühnentreiben projiziert, in technisch guter Qualität. Auch am Sound war wenig zu beanstanden, wobei Freiluftkonzerte nie gegen widrige Winde gefeit sind. Wichtiger noch: Die Band zeigte sich in bester Spiellaune, die Setlisten boten gerade so viel Variation, dass es sich lohnte, mehr als einem der Konzerte beizuwohnen. Und es gibt keinen vernünftigen Grund, es 2018 nicht wieder so zu halten – in Berlin und Stuttgart.

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Mark and Colleen Hayward Redferns
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