Die meistunterschätzten Alben aller Zeiten: U2 – „How To Dismantle An Atomic Bomb“


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Ohne Konzerte und Festivals fanden wir uns plötzlich abends auf unsere Plattensammlungen zurückgeworfen und stellten fest: Oft sind es nicht die kanonisierten Klassiker, die man besonders gern auflegt.

Stattdessen sind es Alben im Katalog eines lieb gewonnenen Künstlers, die man ganz für sich allein zu haben scheint, weil der Rest der Welt sie verschmäht oder gar schon vergessen hat – missverstandene Geniestreiche, verkannte Meisterstücke, vernachlässigte Schlüsselwerke und Platten, die einfach viel besser sind als ihr Ruf und eine Neubewertung verdienen.

Platten nicht für die sprichwörtliche einsame Insel gedacht, aber sie gehören auf die Insel der Unterschätzten.

U2 – How To Dismantle An Atomic Bomb (2004)

Es soll ja sogar Leute geben, die „Zooropa“ für das beste U2-Album halten. Wer Millionen Hörer hat, kriegt halt auch Millionen Meinungen zu hören. Eine Platte, die rätselhafterweise selten als Lieblingsalbum genannt wird, ist „How To Dismantle An Atomic Bomb“ – die logische Weiterentwicklung nach dem in einigen Momenten zwingenden, aber etwas zu gefälligen „All That You Can’t Leave Behind“ (2000).

Doch dann kamen U2 mit dem mutigen „No Line On The Horizon“ (2009), und das ließ den Vorgänger wohl allzu klassisch aussehen. Dabei stellen die elf „Atomic Bomb“-Songs einfach nur souverän alles aus, was U2 können: Sie schlagen einen Bogen vom Dunkel ins Licht, von der Angst zur Zuversicht – einen Weg, den Bono immer wieder geht, aber selten dermaßen berückend.

Von „Vertigo“ bis „Yahweh“ ist es ein weiter Weg, begleitet von alarmierenden Gitarrensounds, die The Edge hier nicht unter irgendwelchem Klimbim versteckt. Nur halb im Scherz nannte Bono es „unser erstes richtiges Rockalbum“.

Ein Brocken ist es jedenfalls: Immense Kraft und grace under pressure prägen die politischen Songs („Love And Peace Or Else“ und vor allem das gnadenlos realistische „Crumbs From Your Table“) genau wie die Liebeslieder („All Because Of You“). Und zwischendurch erlaubt sich Bono sogar ein bisschen fast verbotene Sinnlichkeit („A Man And A Woman“).

Am Ende läuft es allerdings doch immer auf Gott und Sippe hinaus. Der Durchhaltehymne „Sometimes You Can’t Make It On Your Own“ hört man den Schrecken und schließlich die Liebe an, als Bono im Spiegelbild den eigenen Vater erkennt: „If we weren’t so alike/ You’d like me a whole lot more.“ In „One Step Closer“ kommt er auf die größte Lebenskrise zu sprechen, den Tod.

Den Songtitel schenkte ihm Noel Gallagher. Angesichts seines an Krebs erkrankten Vaters fragte Bono den Kollegen, ob der Sterbende wohl an Gott glaube. Darauf Noel, mal wieder nicht um eine schlaue Antwort verlegen: „Well, he’s one step closer to knowing!“ The dark before the dawn.

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